Studienergebnisse: Ökosystem für Soziale Innovationen in Deutschland

Ergebnisse der Ecosystem Mapping Studie der TU Dortmund (SFS)

2022 sammelte die Sozialforschungsstelle der TU Dortmund in einer gemeinsamen Anstrengung mit den KoSI-Mitgliedsorganisationen insgesamt 95 Fälle von Rahmenbedingungen und Best Practices für Soziale Innovationen in Deutschland.

Ziel dieses „Mappings“ war es, einen Einblick in das deutsche Ökosystem Sozialer Innovationen zu gewinnen und damit den Kontext des Gelingens und Scheiterns neuer Initiativen zu verstehen, Lücken zu erkennen und aktuelle Entwicklungen zu reflektieren sowie Trends zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Studie und aufbauender Analysen des Ökosystems Sozialer Innovationen in Deutschland wurden am 30. November 2022 von der TU Dortmund (Sozialforschungsstelle) veröffentlicht.

Die Autor:innen sind Katrin Bauer, PD Dr. Christoph Kaletka, Daniel Krüger und Dr. Karina Maldonado-Mariscal.



Executive Summary:

  • Auf politischer Ebene wird das Ökosystem sozialer Innovation sowohl bundesweit wie auch regional und lokal gestärkt. Während einige Bundesländer das Potenzial sozialer Innovation noch nicht vollständig erkannt zu haben scheinen, erwähnen andere Landesregierungen soziale Innovation ausdrücklich in ihren Koalitionsverträgen. Einige Landesministerien engagieren sich offen für die Förderung sozialer Innovation, formulieren Strategien und richten Förderprogramme und Unterstützungsstrukturen ein – oft in Verbindung mit der Verwendung von ESF-Mitteln. Auf der Ebene mancher Bundesländer ist eine beachtliche Dynamik entstanden, von der andere Bundesländer beim Aufbau eigener Programme und Infrastrukturen lernen können. In ähnlicher Weise richten auch Kommunen Unterstützungsstrukturen ein, wie z.B. Social Innovation Labs und Communities, die darauf abzielen, das jeweilige lokale Ökosystem zu stärken und eine Basis für gegenseitiges Lernen und Wissenstransfer zu schaffen.

  • Nicht nur der Staat unterstützt soziale Innovationen aktiv. So hat auch die Zivilgesellschaft bereits Strukturen für die Interessenvertretung und Infrastrukturen zu Themengebieten sozialer Innovation und für die Akteur*innen des Ökosystems aufgebaut und entwickelt diese weiter. Hinzu kommen Informationsangebote. Während sich die Forschung zu sozialen Innovationen in den letzten zehn Jahren in einer kleinen Forschungsgemeinschaft bereits gut etabliert hat, sind die meisten Hochschulen und Forschungsinstitute noch Neulinge auf dem Gebiet der Unterstützung sozialer Innovation. In jüngster Zeit übernehmen Hochschul- und Forschungseinrichtungen aber zunehmend eine aktivere Rolle und arbeiten mit anderen Akteur*innen des Ökosystems zusammen, um soziale Innovationen zu unterstützen. In ähnlicher Weise werden sich auch die großen Wohlfahrtsverbände zunehmend des Potenzials sozialer Innovation bewusst und fördern sie nicht nur in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, sondern auch im Umfeld ihrer eigenen Organisationen.

  • Während soziale Innovation in Deutschland scheinbar zunehmend als Konzept anerkannt wird, herrscht immer noch Unklarheit darüber, wer soziale Innovation entwickelt und umsetzt. Vor allem im Kontext von Förderprogrammen werden Sozialunternehmen oft als die Haupttreiber sozialer Innovationen gesehen. Sie agieren an der Schnittstelle zwischen dem Non-Profit- und dem For-Profit-Sektor und sind daher mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert. Auch Akteure der Zivilgesellschaft haben dazu beigetragen, das allgemeine Bewusstsein für das Potenzial von Sozialunternehmen als Sozialinnovator*innen zu stärken. Ebenso wächst das Bewusstsein, dass soziale Innovation am besten in einer gemeinsamen Anstrengung verschiedener gesellschaftlicher Sektoren gefördert werden kann. Dementsprechend treten immer mehr neue Akteur*innen in das Feld, um die Rolle als Sozialinnovator*innen einzunehmen. Infolgedessen gibt es eine wachsende Zahl von Praxisbeispielen, die Anlass für gegenseitiges Lernen und Zusammenarbeit geben.

  • Im deutschen Ökosystem gibt es finanzielle und nicht-finanzielle Unterstützung für soziale Innovationen auf allen Ebenen (national, regional, lokal). Beide Formen sind durch eine Vielzahl von thematischen und geografischen Zuschnitten gekennzeichnet, die sich jeweils an einzelne oder mehrere Zielgruppen richten. Einige beschränken sich auf bestimmte Bundesländer, andere auf bestimmte Tätigkeitsbereiche, wie zum Beispiel die Pflege. Die Vielfalt an Themen, Zielgruppen und der geografischen Dimension macht es für Sozialinnovator*innen schwierig, sich in der komplexen Förderlandschaft zurechtzufinden. Es fehlt oft an zentralen Anlaufstellen, die in der Vielfalt unterschiedlicher Fördermöglichkeiten für soziale Innovationen Hilfestellung leisten. Als Antwort auf diese Lücke entstehen in einigen Bundesländern und Regionen bereits solche Angebote.

  • Die zunehmende Anerkennung des Potenzials sozialer Innovation spiegelt sich nicht nur in der Ausweitung öffentlicher Förderprogramme wider. Auch private Investor*innen übernehmen zunehmend eine aktive Rolle im Ökosystem und unterstützen soziale Innovationen. Mit Instrumenten, die längst in der Finanzwelt etabliert sind, konzentrieren sie sich vor allem auf die Förderung von Sozialunternehmen. Sowohl bekannte als auch neue Instrumente wie Social Impact Bonds versprechen neue Wege der Finanzierung sozialer Innovationen durch private Gelder, oft mit dem Ziel von Impact Investments. Dennoch besteht ein Bedarf an weiteren Finanzinstrumenten, um die verbleibenden Lücken zu schließen.

  • Das deutsche Recht lässt eine Reihe unterschiedlicher Rechtsformen zu, die Initiativen sozialer Innovation bereits nutzen, um sich zu verstetigen. Beispiele bieten Vereins- und Genossenschaftsmodelle, die auch die Etablierung neuer sozialer Praktiken jenseits klassischer Geschäftsmodelle und fremdfinanzierter, zeitlich begrenzter Projektstrukturen unterstützen können. Es bleibt allerdings Raum für Rechtsformen, die sich spezifischer auf die Bedürfnisse von Sozialinnovator*innen beziehen.

  • Internationale Vorbilder können eine wesentliche Rolle bei der Weiterentwicklung des deutschen Ökosystems sozialer Innovation spielen. Der Blick über den Tellerrand ermöglicht neue Impulse für die Förderung sozialer Innovation, etwa durch die Bündelung von Kompetenzen in lokalen und regionalen Zentren für soziale Innovationen oder neuartige, auf die Förderung sozialer Innovationen spezialisierte, Regierungsorganisationen. Darüber hinaus muss sich die gesamte Gesellschaft für die Förderung und Entwicklung sozialer Innovationen engagieren, d.h. nicht nur Zivilgesellschaft und öffentliche Verwaltung, sondern auch Wissenschaft und Wirtschaft. Internationale Vorbilder zeigen, dass insbesondere die Finanzierung sozialer Innovation von der öffentlichen auf die private Ebene der Projektträger*innen übergreifen kann und umgekehrt. Letztlich betonen die von internationalen Expert*innen gesammelten Trends den Wert transnationaler Zusammenarbeit für soziale Innovationen.

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