EU Social Innovation Forum 2025
November 2025
Vom Pilotprojekt zur Politik: Erkenntnisse aus dem Social Innovation Forum 2025
Beim Social Innovation Forum 2025, das vom 1. bis 2. Oktober in Brüssel von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Kompetenzzentrum für Soziale Innovation organisiert wurde, waren sich Politiker:innen und Praktiker:innen einig: Europa hat Tausende Soziale Innovationen vorzuweisen. Es mangelt nicht an Ideen und Kapazitäten, um die Sozial- und Wohlfahrtssysteme zu transformieren. Doch nur wenige Soziale Innovationen erreichen eine Größe, die ausreicht, um nationale Systeme oder gar die EU-Politik zu beeinflussen und nachhaltig zu verändern. Die „gläserne Decke” ist das Fehlen einer kohärenten Strategie in der EU, um Soziale Innovation in den Mittelpunkt der Politikgestaltung zu rücken.
Spricht man von Sozialer Innovation, so ist der Begriff der Skalierung nicht weit - besonders auf EU-Ebene. Sie definiert Skalierung als einen Prozess, bei dem bewährte Soziale Innovationen auf andere Akteur:innen oder Kontexte übertragen werden, um so eine größere [gesellschaftliche] Wirkung zu erzielen. Skalierung kann hierbei aus Sicht des Angebots erfolgen, wenn der/die soziale Innovator:in die eigenen Aktivitäten ausweiten möchte oder nach Partner:innen sucht, die die Innovation in einem anderen Kontext weitertragen könnten. Sie kann aber auch aus Sicht der Nachfrage angestoßen werden, wenn Behörden oder andere Interessengruppen eine bewährte Lösung aufgreifen oder sie sogar in die öffentliche Politik oder die Funktionsweise von Systemen (Mainstreaming) integrieren. Die Skalierung Sozialer Innovationen profitiert dabei oft von der Zusammenarbeit auf EU-Ebene: Eine bewährte Praxis aus einem Land oder einer Region kann als Innovationsquelle für andere dienen.
Deswegen investiert die EU seit mehreren Jahren in den Aufbau eines EU-weiten Ökosystems zu Sozialer Innovation. Das jährliche Social Innovation Forum in Brüssel, das im Oktober nun zum dritten Mal stattfand, hat sich mittlerweile als wichtigstes Vernetzungstreffen etabliert.
Auch dieses Jahr reisten Mitglieder von KoSI und Partner:innen aus der European Social Innovation Alliance (ESIA) nach Brüssel. Unter anderem hielten Norbert Kunz von der Social Impact gGmbH und Dr. Judith Terstriep vom IAT Gelsenkirchen einen Vortrag zum Ökosystem für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGUs) in Deutschland.
Vom Experiment zum System
Beim Social Innovation Forum 2025 war die klare Botschaft zu vernehmen: Bei der Skalierung Sozialer Innovation geht es der EU primär um das Mainstreaming, also vorwiegend um das Potenzial Sozialer Innovation für systemischen Wandel bzw. die Transformation. Das wenig überraschende Fazit vorweg: Hierfür muss Innovation allerdings zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Verwaltung werden.
Viele, unter anderem durch den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) geförderte Pilotprojekte in der gesamten EU haben in kleinem Rahmen Wirkung gezeigt – von der Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit bis zur Verbesserung der Fähigkeiten junger Menschen –, aber ihre Erkenntnisse bleiben oft lokal begrenzt und der systemische Beitrag ist damit gering.
Um diese „Übertragungslücke” zu schließen, braucht es allerdings zunächst ein grundsätzliches Umdenken auf politischer Ebene. Es geht bei Sozialer Innovation und systemischem Wandel nicht um Gesetzgebung „top down“, sondern um das Austarieren der Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen, von denen Regierungen bzw. die öffentliche Hand nur eine ist - neben der Zivilgesellschaft, Sozialunternehmen und den Bürger:innen selbst. Es gilt, die jeweilige Energie und die unterschiedlichen Bedarfe unter klare Zielsetzungen zu bündeln – zum Beispiel die Gewährleistung des Zugangs zu hochwertigen Arbeitsplätzen, die Inklusion von Menschen mit Behinderungen oder die Widerstandsfähigkeit angesichts des demografischen Wandels und der Klimakrise.
Letztendlich kommt aber den Regierungen die entscheidende Rolle zu, der Skalierung zum nachhaltigen Erfolg zu verhelfen. Denn Soziale Innovation ist selten erfolgreich, im Sinne von systemisch wirksam, wenn sie isoliert von öffentlichen Institutionen betrieben wird.
Politischer Wandel notwendig
Damit Regierungen in dieser Rolle effektiv sind - so Referent:innen des Forums -, müssen administrative Silos überwunden, Sektoren miteinander verbunden und sichere Räume für Experimente geschaffen werden. Es bedeutet auch, das Fachwissen derjenigen anzuerkennen, die den sozialen Herausforderungen am nächsten stehen – Menschen mit eigener Erfahrung, Praktiker:innen an vorderster Front und lokale Gemeinschaften. Nicht zuletzt kamen auf der Veranstaltung Forderungen nach flexibler Förderung, regulatorischer Offenheit und der Fähigkeit, Ideen auf mehreren Ebenen der Regierungsführung zu testen und anzupassen. Mehrere Beiträge beim Social Innovation Forum 2025 sahen darauf ab, den Begriff des (fundamentalen) Kulturwandels in der Politik zu verwenden.
EU investiert in entsprechende Strukturen
Die EU unterstützt daher seit mehreren Jahren Initiativen, die Städte, Regionen und NGOs in Peer-Learning-Netzwerken miteinander verbinden. Das Europäische Kompetenzzentrum für Soziale Innovation spielt dabei eine zentrale Rolle, indem es eine gemeinsame Sprache für Soziale Innovation in allen Mitgliedstaaten entwickelt und Instrumente zur Skalierung bewährter Verfahren bereitstellt. Auch die Plattform „Social Innovation Match“ (SIM) wird zunehmend genutzt und enthält mittlerweile rund 400 Fallstudien zu Sozialer Innovation aus der EU. Sie hilft politischen Entscheidungsträger:innen und Praktiker:innen, übertragbare Lösungen zu identifizieren und voneinander zu lernen.
Und natürlich gibt es auch die Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen wie KoSI, die von der Europäischen Kommission ko-finanziert werden, und sich zunehmend zu wichtigen Vermittlern zwischen den Anspruchsgruppen im Ökosystem Sozialer Innovation zu entwickeln. Speziell helfen sie der Öffentlichen Hand dabei, innovative Ansätze zu identifizieren, zu testen und zu übernehmen.
Blick auf den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen
Das Social Innovation Forum 2025 fand vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU statt. Viele Redner:innen der Veranstaltung forderten, dass Soziale Innovation zu einer Säule der europäischen Resilienzstrategie werden sollte – gleichberechtigt mit der digitalen und der grünen Wende. Dies würde bedeuten, dass Innovationspraktiken in allen Politikbereichen verankert werden müssten, von Beschäftigung und Gesundheit bis hin zu Migration und Klima. Außerdem wären Investitionen in neue Kapazitäten erforderlich, beispielsweise in datengestützte Politikgestaltung, partizipative Vorausschau und agile Regierungsführung.
Hier finden Sie auch einen Bericht der Social Innovation+ Initiative zum Social Innovation Forum 2025 in Brüssel. Foto @ Social Innovation+ Initiative
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