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ScaleUp Incubator 2025

Dezember 2025 Europa trifft Uckermark: ScaleUp Incubator 2025 bringt Soziale Innovationen über Grenzen hinweg zusammen Mitten im brandenburgischen Spätherbst, wo Stille sonst den Ton angibt, wurde Stegelitz in der Uckermark fünf Tage lang zum Treffpunkt europäischer Sozialinnovator:innen. In einem revitalisierten ehemaligen Schulgebäude trafen sich vom 17. bis 21. November 2025 acht Sozialunternehmen aus Deutschland, Österreich und Estland, um an einer Frage zu arbeiten, die Europa heute mehr denn je beschäftigt: Wie lassen sich Soziale Innovationen nachhaltig skalieren – auch grenzüberschreitend? Der ScaleUp Incubator 2025, organisiert von der European Social Innovation Alliance (ESIA) unter Leitung von KoSI-Mitglied Social Impact gGmbH, brachte dafür die passenden Menschen zusammen: Menschen, die nicht nur Probleme erkennen, sondern sie lösen wollen - ganz konkret in den Bereichen inklusive Beschäftigung und Bildung für Jugendliche & Erwachsene. Ein vielfältiges europäisches Feld Aus Deutschland kamen Lern-Fair, EduGarden, HANZ und das Café am Markt (Sonne im Herzen e.V.). Aus Österreich war Independo dabei und aus Estland kamen die Teams von Substitute Teacher Programm (ASÕP), Sa Suudad und School of Grief (Leinakool) (siehe Kasten unten). Alle Sozialunternehmen sind bereits am Markt etabliert und stehen nun vor der nächsten Entwicklungsstufe. Die thematischen und strategischen Überschneidungen in den beiden Inkubator-Feldern „Inklusive Beschäftigung“ und „Jugend- und Erwachsenenbildung“ fielen durchaus sehr unterschiedlich aus. Besonders die Organisationen mit Bezug zum Schulkontext – Lern-Fair, HANZ, EduGarden und Substitute Teacher Programm (ASÕP) – fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Auf der Ebene der Organisationsentwicklung und speziell bei den Herausforderungen und Chancen von Skalierung konnten sich jedoch alle gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ein internationaler Laborraum für Soziale Innovation Fünf Tage lang wurde Stegelitz zum Labor für neue Ideen. In Workshops tauschten sich die Teilnehmenden aus, analysierten ihre Geschäftsmodelle, diskutierten Skalierungsstrategien und reflektierten über Finanzierung & Förderung. Dabei entstand ein Raum, in dem nationale Perspektiven verblassten und die gemeinsame Mission, gesellschaftlichen Wandel zu gestalten, in den Vordergrund rückte. Die erfahrenen Social-Impact-Trainerinnen setzten dabei auf ein einfaches, aber wirksames Prinzip: Peer-to-Peer-Learning auf Augenhöhe, flankiert von Coaching und Inputs von Expert:innen. Das Ergebnis war ein ungewöhnlich offener, am Ende wirklich schon familiärer Austausch. Ein Blick in Europas Ökosysteme und Best Practices für Soziale Innovation Was den Inkubator ebenfalls besonders machte, war die Dichte an externem Input. Expert:innen aus dem ESIA-Netzwerk – Paul Thein vom Arbeitsministerium in Luxemburg/ Social Business Incubator, Stefan Panhuijsen von Social Enterprise NL in den Niederlanden und Pirkko Valge sowie Aino-Silvia Tali von der Good Deed Foundation in Estland – gaben Einblicke in die jeweiligen nationalen Rahmenbedingungen für Soziale Innovationen und Sozialunternehmen. Es wurden Chancen und Herausforderungen aufgezeigt und mit den Teilnehmenden diskutiert. Und es wurde deutlich: Soziale Innovation und Sozialunternehmertum sind ein europäisches Phänomen – aber die nationalen Ökosysteme funktionieren durchaus unterschiedlich. Dies darf bei einer transnationalen Skalierung nicht unterschätzt werden. Hinzu kamen praxisnahe Beiträge zu Advocacy von Frank Schach vom Unternehmerverband Brandenburg-Berlin, zu Investment Readiness von Christoph Rohde von KoSI-Mitglied FASE, zu EU-Förderung mit Norbert Kunz von Social Impact sowie zu Wirkungsmessung von Phillip Brandts von Phineo. Die Expert:innen-Beiträge fanden zum Teil während eines Tagesausfluges nach Berlin in den Räumlichkeiten des neuen KiezLabs statt. Die Teilnehmenden erhielten von Jana Kausemann von den Jungen Tüftler:innen eine Führung durch den Co-Working- & Veranstaltungsort für gemeinnützige Organisationen und Initiativen, der erst seit dem Sommer geöffnet hat. Man erhielt einen Eindruck von der sehr lebendigen sozialen Innovationslandschaft in der Hauptstadt – und welche Rolle Orte für Begegnung dabei spielen. Zur Innovationslandschaft in Berlin bzw. Deutschland gehören auch Joblinge, das Education Innovation Lab und auch enterability, ein Projekt von Social Impact. Vorträge von Jonas Hettwer, Kyra Wider und Jeanette Oechsl stellten die beeindruckenden Best Practices aus den beiden Themenbereichen des ScaleUp Inkubators vor - und brachten interessante Diskussionen unter anderem zum Thema Skalierung. Stegelitz als Kraftquelle Die Alte Schule in Stegelitz als Veranstaltungsort spielte beim ScaleUp Inkubator eine wichtige Rolle. Die ruhige Lage, das gemeinschaftliche Wohnen, die gemeinsamen Mahlzeiten – all das förderte Dialog und Vertrauen. Der Ort, einst eine Schule, schien wie geschaffen für ein Programm, das sich der Bildung, dem sozialen Wandel und der Zukunft Europas widmet. Mehr als ein Inkubator: Ein europäischer Schulterschluss Für die ESIA-Partnerorganisationen war der Inkubator zugleich eine weitere Möglichkeit für engere Zusammenarbeit. Monate an Planung, Calls und Abstimmung mündeten in eine Woche, die den Zusammenhalt des ESIA-Netzwerks stärkte – und wertvolle Erkenntnisse für den nächsten transnationalen Inkubator lieferte. Denn schon jetzt ist klar: 2026 wird es eine zweite Runde geben. Stegelitz hat gezeigt: Europa verändert sich zum Positiven, wenn sozialen Innovator*innen länderübergreifend zusammenkommen – sogar in einem kleinen Dorf in Brandenburg.

EU Social Innovation Forum 2025

November 2025 Vom Pilotprojekt zur Politik: Erkenntnisse aus dem Social Innovation Forum 2025 Beim Social Innovation Forum 2025, das vom 1. bis 2. Oktober in Brüssel von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Kompetenzzentrum für Soziale Innovation organisiert wurde, waren sich Politiker:innen und Praktiker:innen einig: Europa hat Tausende Soziale Innovationen vorzuweisen. Es mangelt nicht an Ideen und Kapazitäten, um die Sozial- und Wohlfahrtssysteme zu transformieren. Doch nur wenige Soziale Innovationen erreichen eine Größe, die ausreicht, um nationale Systeme oder gar die EU-Politik zu beeinflussen und nachhaltig zu verändern. Die „gläserne Decke” ist das Fehlen einer kohärenten Strategie in der EU, um Soziale Innovation in den Mittelpunkt der Politikgestaltung zu rücken. Spricht man von Sozialer Innovation, so ist der Begriff der Skalierung nicht weit - besonders auf EU-Ebene. Sie definiert Skalierung als einen Prozess, bei dem bewährte Soziale Innovationen auf andere Akteur:innen oder Kontexte übertragen werden, um so eine größere [gesellschaftliche] Wirkung zu erzielen. Skalierung kann hierbei aus Sicht des Angebots erfolgen, wenn der/die soziale Innovator:in die eigenen Aktivitäten ausweiten möchte oder nach Partner:innen sucht, die die Innovation in einem anderen Kontext weitertragen könnten. Sie kann aber auch aus Sicht der Nachfrage angestoßen werden, wenn Behörden oder andere Interessengruppen eine bewährte Lösung aufgreifen oder sie sogar in die öffentliche Politik oder die Funktionsweise von Systemen (Mainstreaming) integrieren. Die Skalierung Sozialer Innovationen profitiert dabei oft von der Zusammenarbeit auf EU-Ebene: Eine bewährte Praxis aus einem Land oder einer Region kann als Innovationsquelle für andere dienen. Deswegen investiert die EU seit mehreren Jahren in den Aufbau eines EU-weiten Ökosystems zu Sozialer Innovation. Das jährliche Social Innovation Forum in Brüssel, das im Oktober nun zum dritten Mal stattfand, hat sich mittlerweile als wichtigstes Vernetzungstreffen etabliert. Auch dieses Jahr reisten Mitglieder von KoSI und Partner:innen aus der European Social Innovation Alliance (ESIA) nach Brüssel. Unter anderem hielten Norbert Kunz von der Social Impact gGmbH und Dr. Judith Terstriep vom IAT Gelsenkirchen einen Vortrag zum Ökosystem für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGUs) in Deutschland. Vom Experiment zum System Beim Social Innovation Forum 2025 war die klare Botschaft zu vernehmen: Bei der Skalierung Sozialer Innovation geht es der EU primär um das Mainstreaming, also vorwiegend um das Potenzial Sozialer Innovation für systemischen Wandel bzw. die Transformation. Das wenig überraschende Fazit vorweg: Hierfür muss Innovation allerdings zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Verwaltung werden. Viele, unter anderem durch den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) geförderte Pilotprojekte in der gesamten EU haben in kleinem Rahmen Wirkung gezeigt – von der Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit bis zur Verbesserung der Fähigkeiten junger Menschen –, aber ihre Erkenntnisse bleiben oft lokal begrenzt und der systemische Beitrag ist damit gering. Um diese „Übertragungslücke” zu schließen, braucht es allerdings zunächst ein grundsätzliches Umdenken auf politischer Ebene. Es geht bei Sozialer Innovation und systemischem Wandel nicht um Gesetzgebung „top down“, sondern um das Austarieren der Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen, von denen Regierungen bzw. die öffentliche Hand nur eine ist - neben der Zivilgesellschaft, Sozialunternehmen und den Bürger:innen selbst. Es gilt, die jeweilige Energie und die unterschiedlichen Bedarfe unter klare Zielsetzungen zu bündeln – zum Beispiel die Gewährleistung des Zugangs zu hochwertigen Arbeitsplätzen, die Inklusion von Menschen mit Behinderungen oder die Widerstandsfähigkeit angesichts des demografischen Wandels und der Klimakrise. Letztendlich kommt aber den Regierungen die entscheidende Rolle zu, der Skalierung zum nachhaltigen Erfolg zu verhelfen. Denn Soziale Innovation ist selten erfolgreich, im Sinne von systemisch wirksam, wenn sie isoliert von öffentlichen Institutionen betrieben wird. Politischer Wandel notwendig Damit Regierungen in dieser Rolle effektiv sind - so Referent:innen des Forums -, müssen administrative Silos überwunden, Sektoren miteinander verbunden und sichere Räume für Experimente geschaffen werden. Es bedeutet auch, das Fachwissen derjenigen anzuerkennen, die den sozialen Herausforderungen am nächsten stehen – Menschen mit eigener Erfahrung, Praktiker:innen an vorderster Front und lokale Gemeinschaften. Nicht zuletzt kamen auf der Veranstaltung Forderungen nach flexibler Förderung, regulatorischer Offenheit und der Fähigkeit, Ideen auf mehreren Ebenen der Regierungsführung zu testen und anzupassen. Mehrere Beiträge beim Social Innovation Forum 2025 sahen darauf ab, den Begriff des (fundamentalen) Kulturwandels in der Politik zu verwenden. EU investiert in entsprechende Strukturen Die EU unterstützt daher seit mehreren Jahren Initiativen, die Städte, Regionen und NGOs in Peer-Learning-Netzwerken miteinander verbinden. Das Europäische Kompetenzzentrum für Soziale Innovation spielt dabei eine zentrale Rolle, indem es eine gemeinsame Sprache für Soziale Innovation in allen Mitgliedstaaten entwickelt und Instrumente zur Skalierung bewährter Verfahren bereitstellt. Auch die Plattform „Social Innovation Match“ (SIM) wird zunehmend genutzt und enthält mittlerweile rund 400 Fallstudien zu Sozialer Innovation aus der EU. Sie hilft politischen Entscheidungsträger:innen und Praktiker:innen, übertragbare Lösungen zu identifizieren und voneinander zu lernen. Und natürlich gibt es auch die Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen wie KoSI, die von der Europäischen Kommission ko-finanziert werden, und sich zunehmend zu wichtigen Vermittlern zwischen den Anspruchsgruppen im Ökosystem Sozialer Innovation zu entwickeln. Speziell helfen sie der Öffentlichen Hand dabei, innovative Ansätze zu identifizieren, zu testen und zu übernehmen. Blick auf den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen Das Social Innovation Forum 2025 fand vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU statt. Viele Redner:innen der Veranstaltung forderten, dass Soziale Innovation zu einer Säule der europäischen Resilienzstrategie werden sollte – gleichberechtigt mit der digitalen und der grünen Wende. Dies würde bedeuten, dass Innovationspraktiken in allen Politikbereichen verankert werden müssten, von Beschäftigung und Gesundheit bis hin zu Migration und Klima. Außerdem wären Investitionen in neue Kapazitäten erforderlich, beispielsweise in datengestützte Politikgestaltung, partizipative Vorausschau und agile Regierungsführung. Hier finden Sie auch einen Bericht der Social Innovation+ Initiative zum Social Innovation Forum 2025 in Brüssel. Foto @ Social Innovation+ Initiative

Soziale Innovationen in der Freien Wohlfahrtspflege

Oktober 2025 Rückblick auf die IMPACT Challenge 2025 unseres KoSI-Mitglieds Diakonie Schleswig-Holstein Mit der IMPACT Challenge 2025 hat unser Mitglied Diakonie Schleswig-Holstein (DWSH) gemeinsam mit der Diakonie Stiftung Schleswig-Holstein erneut einen wichtigen Beitrag zur Förderung Sozialer Innovationen in der Freien Wohlfahrtspflege geleistet. Ziel des Wettbewerbs war es, praxisnahe Lösungen für aktuelle Herausforderungen in der sozialen Arbeit zu entwickeln und den Transfer in die Umsetzung aktiv zu begleiten. Konzeptioniert und implementiert wurde die IMPACT Challenge von Dr. Grit Kühne von der DWSH. Der Startschuss der Impact Challenge 2025 fiel im März dieses Jahres: Mitglieder der DWSH waren nach einer Auftaktveranstaltung eingeladen, eigene Projektideen einzubringen. In mehreren Schritten – von Workshops nach der Design-Thinking-Methode mit Dennis Krabbenhöft (NGD Innovationsmanagement), über ein Pitch-Event, bis hin zu einer Werkstatt zur Umsetzungsplanung und Finanzierungsberatung mit Norbert Kunz (Social Impact) und Bernd Hannemann (DWSH) – wurden die Ideen kontinuierlich weiterentwickelt. Der Wettbewerb gipfelte in einer Abschlussveranstaltung in Rendsburg am 17. September. Ein besonderes Augenmerk lag auf der fachlichen Begleitung durch eine Jury, bestehend aus unseren beiden KoSI-Mitgliedern Dr. Judith Terstriep (IAT Gelsenkirchen) und Norbert Kunz sowie Bernd Hannemann. Ihre Rückmeldungen flossen in die Konzepte ein und gaben den Teilnehmenden wertvolle Impulse für die weitere Ausarbeitung. Alle Projekte sind Gewinner Sechs Teams durchliefen den gesamten Innovationsprozess. Dr. Grit Kühne betont: Auch wenn wir am Ende der Impact Challenge drei Teams besonders gewürdigt haben, gab es in der IMPACT Challenge nur Gewinner:innen: Alle Teilnehmenden halten jetzt ein fachlich fundiertes Konzept in den Händen, das die Grundlage für eine erfolgreiche Implementierung bildet. Passende Förderoptionen sind bereits identifiziert und erste Gespräche mit potenziellen Unterstützern geführt worden. Teilweise bestehen schon Aussichten auf eine bis zu 100-prozentige Förderung. Wir vom Landesverband werden die Innovatorinnen und Innovatoren auch in der Umsetzungsphase weiter beratend begleiten. Podiumsdiskussion zur neuen Landesstrategie „Nordisch innovativ“ Vor der besonderen Würdigung der drei Projekte SHE – Supportive Healing Environment, Hol di fruchtig und Barmstedter Musikwerkstatt (siehe Kasten unten) stand eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Nordisch Innovativ – und nun?“ auf dem Programm der Abschlussveranstaltung am 17. September. Diakonie-Vorstand Kay-Gunnar Rohwer, Staatssekretär Johannes Albig (Sozialministerium Schleswig-Holstein) und Norbert Kunz diskutierten, wie Soziale Innovationen künftig wirksamer gefördert und verstetigt werden können. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der neuen, im Juni 2025 veröffentlichten schleswig-holsteinischen Landesstrategie „Nordisch innovativ“. Sie soll dazu beitragen, innovative Ansätze systematisch in die Praxis zu überführen und Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wohlfahrtspflege zu vernetzen. „Nordisch innovativ“ ist über die letzten zwei Jahre von der Landesregierung als ressortübergreifendes Innovationsprogramm entwickelt worden – in einem iterativen Prozess mit Anspruchsgruppen, an dem die DWSH in der Person von Dr. Kühne beteiligt war. Das erfreuliche Ergebnis: Die Freie Wohlfahrtspflege ist explizit als eine der Zielgruppen der Strategie genannt. Vor der Challenge ist nach der Challenge Die IMPACT Challenge 2025 hat gezeigt, wie durch methodische Innovationsentwicklung, fachliche Begleitung und gezielte Förderung tragfähige Lösungen für die soziale Arbeit in der Freien Wohlfahrtspflege entstehen können. Dr. Grit Kühne: „Im Herbst 2026 werden wir alle Innovatoren zum ‘Klassentreffen der IMPACT Challenge’ einladen. Wir hoffen auf viele Berichte zu erfolgreichen Projektimplementierungen.“

ESF+-Veranstaltung in Malmö

September 2025 Stärkung der Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovation durch wissenschaftliche Ansätze Vom 10. bis 12. September 2025 trafen sich Vertreter:innen der Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen in Malmö, Schweden. Das schwedische Nationale Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen, geleitet von der Universität Malmö, hatte zu dem Lern- und Vernetzungstreffen in Kooperation mit der European Competence Centre for Social Innovation eingeladen. Unter dem Titel „Advancing Social Innovation through Collaboration and Knowledge Sharing“ (auf Deutsch: „Soziale Innovation durch Zusammenarbeit und Wissensaustausch vorantreiben“) diskutierten Teilnehmer:innen aus ganz Europa die Bedeutung wissenschaftlicher Ansätze für die Arbeit der Kompetenzzentren. Begleitende Projektbesuche lieferten wertvolle Beispiele guter Praxis. Wissenschaft als Schlüssel für bessere Lösungen Soziale Innovationen entstehen selten isoliert. Sie entwickeln sich in ko-kreativen Umgebungen, in denen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft zusammenarbeiten. Anna Tengqvist, Koordinatorin des Forum for Social Innovation Sweden der Universität Malmö, betonte auf der Veranstaltung: „Soziale Innovation zielt darauf ab, unsere komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen zu verstehen und bessere Lösungen zu entwickeln. Dafür müssen wir diese Herausforderungen tiefer und umfassender begreifen. Es ist entscheidend, Wissenschaft und Forschung effektiv in die Arbeit der Nationalen Kompetenzzentren einzubinden, sodass beide Seiten davon profitieren.“ Die Veranstaltung in Malmö zeigte, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen zunehmend gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Sie agieren als Co-Innovatoren und verankern Soziale Innovationen in lokalen und regionalen Gemeinschaften. Durch Living Labs, Social Innovation Labs und anwendungsorientierte Forschung tragen sie dazu bei, innovative Ansätze zu erproben, Wirkungen messbar zu machen und erfolgreiche Projekte zu verbreiten. Daniel Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sozialforschungsstelle (sfs) der TU Dortmund, erklärte: „Seit mehreren Jahren leistet auch die anwendungsorientierte Arbeitsforschung einen wichtigen Beitrag zur Erprobung sozial-innovativer Ansätze, häufig in experimentellen Kontexten wie Living Labs. Dieses Potenzial muss voll ausgeschöpft werden, und der Beitrag der Wissenschaft muss stärker in die Arbeit der Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen integriert werden, um die Skalierung, Verbreitung und Institutionalisierung Sozialer Innovationen wirksam zu fördern.“ Schweden geht mit gutem Beispiel voran Das schwedische Nationale Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen zeigte während der Veranstaltung eindrucksvoll: Seine Verankerung über die Universität Malmö bietet organisatorische Stabilität und eine enge Verzahnung mit wissenschaftlicher Analyse und kontinuierlichem Lernen. Regelmäßige Evaluierungen, thematische Studien, Fachkonferenzen und wissenschaftliche Begleitung sichern die Qualität und Weiterentwicklung der Arbeit. Forschende aus verschiedenen Disziplinen bringen ihr Wissen über soziale Innovationsprozesse, Ko-Kreation und Wirkungsmessung ein. Gleichzeitig stellen sie sicher, dass Erkenntnisse aus Projekten systematisch in Programme und Strukturen des Europäischen Sozialfonds (ESF) zurückfließen und langfristig die Entwicklung des schwedischen Wohlfahrtsstaates positiv beeinflussen. Gemeinsame Herausforderungen – gemeinsame Lösungen Ein zentrales Element des Treffens in Malmö war die sogenannte Peer-Support-Methode: 59 Teilnehmende - darunter auch von KoSI und Partnerorganisationen aus der European Social Innovation Alliance (ESIA) - präsentierten konkrete Herausforderungen aus der Arbeit ihrer Kompetenzzentren und erhielten direktes Feedback von Kolleg:innen. Dabei ging es um Fragen der Zusammenarbeit mit Verwaltungsbehörden, die Diversifizierung von Finanzierungsquellen oder die Entwicklung von Wirkungsanalysen. Diese Form des Austausches erwies sich als besonders wertvoll, da sie praxisnahe Vorschläge hervorbrachte und ein starkes Gefühl der gegenseitigen Unterstützung förderte. Das Treffen in Malmö verdeutlichte: Die Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen in der EU entwickeln sich zunehmend von Diskussionsplattformen zu handlungsorientierten Netzwerken, die immer mehr und erfolgreich miteinander kollaborieren. Die Ergebnisse des Treffens sollen unter anderem in die neue EU-Agenda für Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit einfließen und beim Social Innovation Forum 2025 in Brüssel vom 01. bis 02. Oktober 2025 vorgestellt werden. Dieser Artikel basiert auf einem Bericht der Social Innovation+ Initiative zu der Veranstaltung in Malmö. Foto @ Social Innovation+ Initiative

ESF+-Veranstaltung in Prag

Juni 2025 Tschechien als Vorreiter für Soziale Innovation in Europa Im Frühjahr fand in Prag in Tschechien eine zweitägige Veranstaltung der Community of Practice on Social Innovation des ESF+ (Europäischer Sozialfonds) statt. Unter dem Titel „Supporting Social Innovation: A Journey Through Two ESF Programming Periods, the Experience of the Czech Republic“ (auf Deutsch: „Förderung sozialer Innovation: Eine Reise durch zwei ESF-Programmplanungsperioden – die Erfahrungen der Tschechischen Republik“) trafen sich Vertreter:innen aus 18 EU-Mitgliedstaaten, darunter auch Mitglieder des Kompetenzzentrums für Soziale Innovationen Deutschland (KoSI) und unserer European Social Innovation Alliance (ESIA). Die Veranstaltung in Prag verfolgte das Ziel, das tschechische Modell zur Förderung Sozialer Innovationen kennenzulernen, Einblicke in konkrete Projekte vor Ort zu gewinnen und Impulse für den Transfer in andere Länder zu geben. Zudem gab es intensive Diskussionen zur Zukunft Sozialer Innovationen im Rahmen des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+) mit Blick auf die nächste Förderperiode nach 2027. 63 Teilnehmende besuchten zwei Tage lang Fachvorträge und Workshops. Zudem standen Projektbesuche bei und Erfahrungsberichte von Geförderten im Mittelpunkt. Tschechien als Vorzeigeland für Soziale Innovationen In Tschechien sind die Verwaltungsbehörde des ESF+ und das Nationale Kompetenzzentrum für Soziale Innovation in einer Einheit zusammengeführt. Dieses Modell ermöglicht laut den Gastgebern der Veranstaltung agilere Entscheidungen und eine kohärente Politikgestaltung. Mehr als 150 soziale Innovationsprojekte hat der ESF+ in Tschechien bereits mit verschiedenen Ansätzen gefördert. Die Ausschreibungen folgen in der Regel keinem festen Thema, sondern setzen auf Bottom-up- und designbasierte Methoden. Die Projekte entstehen meist aus zwei Hauptarten von Ausschreibungen, die das tschechische ESF+-Team entwickelt hat: Ausschreibungen für die Suche nach neuen Lösungen – für Organisationen, die hartnäckige Probleme angehen und mit Design Thinking sowie Rapid Prototyping innovative Ansätze erproben wollen. Dieser Prozess gliedert sich in zwei Phasen: „Inkubationsphase“ (14 Monate, ca. 100.000 €): Sie dient dazu, die Bedürfnisse der Nutzer zu analysieren, Stakeholder einzubinden, Prototypen zu entwickeln und Ideen im kleinen Rahmen zu testen. „Realisierungsphase“ (bis zu drei Jahre, ca. 800.000 €): Hier werden validierte Lösungen erprobt, systemische Veränderungen angestoßen und Wirkungen bewertet. Ausschreibungen für die Skalierung von Lösungen – für Organisationen, die bewährte, wirksame Methoden breiter umsetzen möchten. Kürzlich führte die Ausschreibung „Social Innovation for the Future“ dann doch einen gewissen thematischen Schwerpunkt ein: basierend auf Zukunftsforschung wurden zehn soziale Herausforderungen identifiziert, die als „sozialen Zeitbomben“ gelten, etwa psychische Gesundheitsprobleme, Geschlechterungleichheit, Wohnungsnot und Energiearmut. Sie prägen unsere Gesellschaft bereits heute, was während der Veranstaltung in Prag und Vor-Ort-Besichtigungen von ESF-geförderten Projekten sichtbar wurde. Grundsätzlich erlebten die Teilnehmenden Tschechien als Paradebeispiel für adaptives Management. Von anfänglicher Skepsis gegenüber Sozialer Innovation hin zu einem festen Bestandteil der ESF+-Strategie hat das Land seit 2013 einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Über Rückschläge wurde offen auf der Veranstaltung gesprochen. Heute gilt Tschechien als Vorreiter für Soziale Innovationen, insbesondere durch seine offene Innovationskultur innerhalb der öffentlichen Verwaltung. Mehrere Mitgliedstaaten äußerten auf der Veranstaltung Interesse, einzelne Projektansätze aus Tschechien in ihre nationalen Programme zu übertragen. Erkenntnisse für die Zukunft In Workshops diskutierten die Teilnehmenden zudem Lehren für die Zeit nach 2027, wenn eine neue ESF+-Förderperiode ansteht. Besonders wichtig waren dabei: - die Stärkung der Förderlogik von der Idee bis zur Skalierung, - die institutionelle Unterstützung durch Nationale Kompetenzzentren, - sowie die Schaffung eines innovationsfreundlichen Ökosystems. Die Veranstaltung in Prag hat erneut gezeigt, dass Soziale Innovationen kein Nischenthema mehr sind, sondern ein Schlüssel für die Weiterentwicklung des ESF+. Die Community of Practice wird nun auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse Empfehlungen für die nächste Förderperiode (2028–2035) erarbeiten. Dieser Artikel basiert auf einem Bericht der Social Innovation+ Initiative zu der Veranstaltung in Prag. Foto @ Social Innovation+ Initiative

EU und die Förderung Sozialer Innovationen nach 2027

September 2025 Jetzt nicht nachlassen! Über die letzten Jahre haben immer mehr europäische Länder Soziale Innovation als wirkungsvolles Instrument zur Lösung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen anerkannt. Der Innovationsbegriff wird zunehmend nicht mehr nur rein technologisch und kommerziell verstanden und die Europäische Union hat entscheidend zu dieser Entwicklung in ihren Mitgliedstaaten beigetragen. Die Europäische Union spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung Sozialer Innovation, sowohl durch die Bereitstellung von Mitteln als auch als strategische Impulsgeberin. Dies hat mit dazu geführt, dass entsprechende nationale Strategien entstanden sind bzw. derzeit im Entstehen sind – etwa in Frankreich, Deutschland, Estland oder Portugal. Eine erste Förderung Sozialer Innovation durch die EU erfolgte ab 2009 bzw. 2010 vor dem Hintergrund der Finanz- & Wirtschaftskrise. Heute ist Soziale Innovation ein relevanter Baustein für die EU-Ziele für sozialen Zusammenhalt („Europäische Säule sozialer Rechte“/ European Pillar of Social Rights) sowie für eine nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030). Zudem wird Soziale Innovation im EU-Kontext zunehmend im Zusammenhang mit der sogenannten „Twin Transition“ genannt, dem gleichzeitigen Übergang zu einer digitalen und grünen Wirtschaft sowie Gesellschaft. Die Rolle des Europäischen Sozialfonds für Soziale Innovation Der Europäische Sozialfonds Plus (ESF+) ist das wichtigste Instrument zur Förderung Sozialer Innovation in der EU. Er wurde 1957 mit dem Vertrag von Rom gegründet, mit dem auch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ins Leben gerufen wurde. Damit ist der ESF+ eines der ältesten Förderinstrumente der EU und seit knapp 70 Jahren das zentrale Instrument für Investitionen in Menschen. In der aktuellen EU-Förderperiode von 2021 bis 2027 hat der ESF+ ein Gesamtvolumen von 142,7 Milliarden Euro. In der aktuell gültigen ESF+-Verordnung sind erstmals alle Mitgliedstaaten verpflichtet worden, mindestens eine Priorität für Soziale Innovation in ihren nationalen und/oder regionalen Programmen vorzusehen, mit einem ESF+-Kofinanzierungssatz von bis zu 95 %. Ein Bericht der Social Innovation+ Initiative kommt zu dem Ergebnis, dass insgesamt rund 1,78 Milliarden Euro über die Soziale Innovationen-Prioritäten in der aktuellen Förderperiode investiert werden, wovon die EU-Beiträge (durch ESF+) etwa €1,56 Milliarden Euro ausmachen. Die EU unterstützt zudem durch Netzwerke, Wissensaustausch und die Verbreitung bewährter Methoden (Best Practices). Hierfür ist der Programmteil EaSI (Employment and Social Innovation) verantwortlich. EaSI war ursprünglich ein eigenständiges EU-Programm (in der Programmförderperiode 2014–2020). Seit 2021 ist EaSI in den ESF+ integriert und fungiert quasi als dessen „Innovationsmotor“ mit einem Budget von 762 Millionen Euro in direkter Mittelverwaltung der EU-Kommission. Das Ziel von EaSI besteht darin, gemeinsame Herausforderungen, die keine nationalen Grenzen kennen, über EU-Länder hinweg mit innovativen Lösungen transnational, evidenzbasiert und systemisch anzugehen. Hier werden neue Ansätze in den Bereichen Sozialpolitik, Beschäftigung und soziales Unternehmertum getestet, gefördert und verbreitet. Insgesamt soll so ein gemeinsames europäisches Ökosystem für Soziale Innovation entstehen. Schlüsselelement hierfür ist das Netzwerk der Nationalen Kompetenzzentren für Soziale Innovationen, zu dem auch das Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen Deutschland (KoSI) gehört. Es wird von der EU seit 2021 über EaSI ko-finanziert. Mittlerweile gibt es solche Kompetenzzentren in 24 (von insgesamt 26) EU-Mitgliedstaaten. Der Austausch im Netzwerk zeigt deutlich: Die sozialen Herausforderungen und Chancen der EU-Mitgliedstaaten sind sehr oft ähnlich. Entsprechend groß sind die Synergiepotenziale für Soziale Innovationen. Dies betrifft einzelne Lösungen in spezifischen sozialen Bereichen, aber auch die Metaebene, wie Ansätze zu Capacity Building, Finanzierungsvehikeln und Wirkungsmessung. Und zu guter Letzt gilt es auch für die Gestaltung rechtlicher Rahmenbedingungen auf politischer Ebene. Die EU darf jetzt nicht nachlassen. Im Bereich der Förderung Sozialer Innovation wurde auf EU-Ebene in den letzten 15 Jahren bereits viel erreicht. Die aktuelle Förderprogrammperiode (2021–2027) stellt hierbei sicherlich eine deutliche Steigerung dar. Gleichzeitig haben sich die gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen in den letzten Jahren sowohl in ihrer Intensität als auch in ihrer Komplexität exponentiell gesteigert. Alte Pfade und Systeme stoßen massiv an ihre Grenzen. Es braucht jetzt das Novum, am besten radikal und systemisch. Soziale Innovation ist daher nicht mehr nur ein „Nice-to-Have“. Sie wird für eine nachhaltige Zukunft essenziell sein und muss ambitioniert mit finanziellen und rechtlichen Mitteln unterstützt werden. Ein rein technologisches und/oder kommerzielles Innovationsverständnis und eine entsprechende eindimensionale Förderung wären politisch fahrlässig. Am 16. Juli 2025 hat die Europäische Kommission ihren offiziellen Vorschlag für die nächste Förderprogrammperiode, den sogenannten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) 2028–2034 präsentiert. Thematisch sollen Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigung mehr Mittel erhalten, während unter anderem die Töpfe für Sozial-, Klima- und Umweltmaßnahmen kleiner werden sollen. Durch Druck aus den eigenen Reihen und vom Parlament besteht zumindest die Grundzusage der Europäischen Kommission, mindestens 14 % bzw. mindestens 100 Mrd. Euro des auf etwa 865 Milliarden Euro geschätzten Budgets aus den sogenannten Nationalen und Regionalen Partnerschaftsplänen (NRP) für Sozialausgaben vorzusehen. Zudem soll der ESF+ erhalten bleiben. Allerdings: Eine feste Summe für den ESF+ ist nicht vorgeschlagen worden. Immerhin: In ihren Vorschlägen für den nächsten ESF+ nach 2027 hat die Kommission den Bereich Soziale Innovation wieder aufgenommen (Artikel 4). Es heißt [Übersetzung]: (1) Soziale Innovation wird in den Bereichen unterstützt, die in den Geltungsbereich des ESF fallen, insbesondere mit dem Ziel, innovative Lösungen zu erproben, zu bewerten und in größerem Maßstab einzuführen, einschließlich auf lokaler oder regionaler Ebene, um soziale Bedürfnisse in Partnerschaft mit den einschlägigen Partnern, insbesondere den Sozialpartnern, zu decken. (2) Die Kommission setzt auf eigene Initiative technische Hilfe gemäß Artikel 12 der Verordnung (EU) [Verordnung über die NRP-Pläne] ein, um den Kapazitätsaufbau im Bereich der Sozialen Innovation zu erleichtern, insbesondere durch die Unterstützung des gegenseitigen Lernens, der transnationalen Zusammenarbeit, der Einrichtung von Netzwerken sowie der Verbreitung und Förderung bewährter Verfahren und Methoden. Noch ist (lange) nichts entschieden Nun müssen im Trilog zwischen Kommission, Parlament und Rat die Details ausgehandelt werden. Der Prozess, bis der MFR 2028–2034 final steht und die Förderungen auf Mitgliedstaatenebene wieder anlaufen, dürfte intensiv und langwierig werden. Das liegt unter anderem daran, dass die Kommission das EU-Budget deutlich erhöhen und weniger spezifische Ausgabenprogramme einführen will. Bisher gibt es etwa separate Töpfe für die Agrarpolitik und die Strukturförderung der Regionen - zu letzteren zählt der ESF+. Künftig sollen diese Ausgaben aus einem einzigen großen Fonds gedeckt werden. Um Geld aus diesem Fonds zu erhalten, soll jeder EU-Staat nach dem Willen der Kommission einen nationalen Plan vorlegen. Darin zeigt das Land, welche Reformen und Investitionen es von 2028 bis 2034 plant und wofür es EU-Mittel einsetzen möchte. Auch regionale Behörden sollen an der Erstellung des Plans mitarbeiten. Damit ist aber zum jetzigen Zeitpunkt auch die genaue Ausgestaltung der zukünftigen EU-Förderung Sozialer Innovationen noch nicht beschlossen. Dies gilt für den ESF+ wie auch für andere EU-Förderprogramme mit Relevanz für Soziale Innovationen (wie den EFRE, den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, in dessen Entwurf für die Zeit nach 2027 Soziale Innovation nach Vorschlag der Kommission nicht mehr enthalten ist). Gerade das EU-Parlament wird hoffentlich als Mitgesetzgeber im EU-Haushalt seine entscheidende Rolle nutzen, um Sozialausgaben und Soziale Innovationen in dem nächsten MFR zu stärken. Darüber hinaus sind zivilgesellschaftliche Organisationen, Kommunen, Regionen und Sozialpartner spätestens jetzt gefordert, Position zu beziehen.

SIM-Datenbank-Validator

September 2025 KoSI übernimmt Schlüsselrolle als nationaler Validator für SIM-Datenbank der EU Um die Sichtbarkeit Sozialer Innovationen aus Deutschland auf EU-Ebene zu stärken, hat sich das Kompetenzzentrum für Soziale Innovationen Deutschland (KoSI) als nationaler Validator für die Social Innovation Match (SIM)-Datenbank von der EU akkreditieren lassen. Die Plattform Social Innovation Match (SIM) will Soziale Innovationen in der EU sichtbar und anschlussfähig machen. Seit November 2022 bietet sie einen Rahmen, um innovative Ideen bekannt zu machen, erfolgreiche Modelle aus anderen Ländern zu adaptieren oder passende Partner für transnationale Projekte und (EU-)Förderanträge zu finden. Im Fokus stehen dabei die Investitionsbereiche des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF+): Beschäftigung, Bildung und Qualifizierung sowie soziale Inklusion. Akteure aus der EU können sich mit ihren Sozialen Innovationen in die SIM-Datenbank eintragen lassen. Ein nationaler Validator prüft allerdings die Qualität und Relevanz des Projektes, bevor die Aufnahme in die Datenbank final stattfindet. So soll sichergestellt werden, dass die Einträge verlässlich, praxisnah und anschlussfähig sind. Während nationale Validatoren die Verantwortung auf Landesebene tragen, validiert das Europäische Kompetenzzentrum für Soziale Innovation transnationale und EU-weite Initiativen. Bisher gab es keinen Validator für Deutschland. KoSI hat sich für diese Rolle nun bei der EU akkreditieren lassen. Damit rückt das Kompetenzzentrum noch stärker in den Mittelpunkt des europäischen Austauschs und der EU-Förderung im Bereich Sozialer Innovationen. Das passt zur Mission von KoSI: einzelne Akteure und das Ökosystem Sozialer Innovationen in Deutschland fördern und ihnen zugleich europaweite Sichtbarkeit und Vernetzung bieten. Nähere Informationen zur Plattform Social Innovation Match sowie zu dem Aufnahmeprozess für die SIM-Datenbank finden sich hier auf der Webseite des ESF+ und hier auf der Webseite der Social Innovation+ Initiative.

Interview mit Norbert Kunz von der Social Impact gGmbH

Juli 2025 Train-the-Trainer: Europäische Standards für die Gründungsberatung von sozialen Startups etablieren Im Rahmen der European Social Innovation Alliance (ESIA) entwickelt das Kompetenzzentrum Soziale Innovation (KoSI) gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Luxemburg, den Niederlanden und Estland ein europaweites Qualifizierungsprogramm für Berater:innen sozialer Startups. Das Projekt startete im Juni 2025 mit einem Kick-off in Frankfurt am Main. Die Leitung hat Norbert Kunz, Geschäftsführer der Social Impact gGmbH. Im Interview erklärt er, warum dieses Vorhaben jetzt besonders wichtig ist – und wie es umgesetzt werden soll.  KoSI: Herr Kunz, warum hat sich ESIA die Entwicklung eines europäischen Konzepts für die Beratung sozialer Startups vorgenommen? Kunz: Das Vorhaben ist aus mehreren Gründen hoch relevant. Einerseits stehen wir in Europa vor wachsenden sozialen Herausforderungen, die vor keiner Grenze haltmachen: Armut, Ungleichheit, Migration, Fachkräftemangel und demografischer Wandel verlangen nach neuen Lösungen. Soziale Startups bieten hier innovative, lokal verankerte und wirkungsorientierte Ansätze. Andererseits fehlt es grundsätzlich an geeigneter Unterstützung, um diese Gründungen erfolgreich zu machen und ihre sozialinnovativen Ideen zu skalieren. So mangelt es derzeit eigentlich in allen europäischen Ländern insbesondere auch an qualifizierter Gründungsberatung im sozialen Bereich. Deswegen brauchen wir hier dringend systematisch geschulte Gründungsberater:innen. Ein gemeinsames, europäisch abgestimmtes Curriculum, wie wir es jetzt entwickeln wollen, kann hier einen Qualitätsstandard schaffen.  KoSI: Aber gibt es nicht teils sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen in den europäischen Ländern, die so einem Vorhaben entgegenlaufen? Kunz: Die unterschiedlichen nationalen Systeme in der sozialen Ökonomie erschweren sicherlich einen Erfahrungstransfer. Aber mit unserem Vorhaben können wir definitiv Benchmarks setzen, Best Practices bündeln und zur Professionalisierung der gesamten europäischen Beratungslandschaft beitragen. Es kann ein strategischer Hebel sein, um die Wirkung und Zahl sozialer Gründungen in Europa zu erhöhen. Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass die EU aktuell selbst starke Impulse für Soziale Innovation durch Programme wie den Europäischen Sozialfonds Plus, den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds oder den EU-Aktionsplan zur Sozialwirtschaft setzt. Hier wird die Bedeutung von Social Enterprises betont. Ein qualifiziertes Beratungsumfeld in der EU ist dafür allerdings essenziell.  KoSI: Wie ist denn konkret die Situation in Deutschland und anderen EU-Ländern? Kunz: Die Unterstützungslandschaft ist hierzulande stark fragmentiert. Es gibt Angebote, z. B. von uns als Social Impact, von SEND e. V., Ashoka und der Social Entrepreneurship Akademie. Aber es finden sich insgesamt kaum systematisierte, standardisierte Train-the-Trainer-Programme für soziale Startups, also Schulungen für die Gründungsberater:innen. Die Beratungskompetenz hängt so in der Praxis noch oft von individueller Erfahrung ab. Zudem verfügen klassische Gründungs- und Unternehmensberater:innen kaum über spezifisches Know-how zur sozialen Gründung. Ein europäisch abgestimmtes Curriculum hierzu kann die Lücke zwischen Sozialwirtschaft und Gründungsberatung schließen. Und gerade in strukturschwachen Regionen – zum Beispiel in Ostdeutschland – sehen wir enormes Potenzial. Hier können gezielt geschulte lokale Akteur:innen Soziale Innovation als Impuls für regionale Entwicklung stärken. Wir als Social Impact schulen entsprechend gerade in Brandenburg. In Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien gibt es starke Traditionen in der Sozialwirtschaft – oft mit genossenschaftlichen oder kooperativen Strukturen. Auch Weiterbildungsangebote existieren dort teilweise, doch häufig fehlt der Bezug zu neuen, wirkungsorientierten Formen sozialer Startups. Zudem mangelt es an europäischer Vergleichbarkeit. Das gilt auch für die anderen ESIA-Länder. In osteuropäischen Ländern wie Polen oder Rumänien ist das Thema noch weniger etabliert. Förderstrukturen für Soziale Innovation befinden sich grundsätzlich im Aufbau, und Beratungsangebote sind wenig professionalisiert. Man sieht: Hier könnte unser transnationales Konzept entscheidend dazu beitragen, Wissenstransfer zu ermöglichen und langfristig Kapazitäten aufzubauen.  KoSI: Welche besonderen Kompetenzen brauchen Berater:innen für Social Startups denn – und warum reicht klassische Gründungsberatung hier nicht aus? Kunz: Die Beratung von Social Startups stellt besondere Anforderungen, die weit über die klassische Startup-Beratung hinausgehen. Während bei herkömmlichen Gründungen vor allem wirtschaftliche Kriterien wie Marktanalyse, Skalierungspotenzial, Finanzierung und Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund stehen, verfolgen soziale Startups einen doppelten Zweck: Sie streben sowohl unternehmerischen Erfolg als auch eine messbare gesellschaftliche Wirkung an. Genau in diesem Spannungsfeld ergeben sich neue Anforderungen an die Beratung – und damit auch an die Kompetenzen der Berater:innen. Zentral ist zunächst ein tiefes Verständnis für soziale Wirkungsziele. Berater:innen müssen in der Lage sein, mit Gründer:innen gemeinsam ein soziales Problem zu analysieren, Zielgruppenbedarfe zu erkennen und darauf aufbauend ein wirkungsorientiertes Geschäftsmodell zu entwickeln. Dies erfordert Kenntnisse in Theory of Change, Wirkungslogiken und in der Wirkungsmessung – Instrumente, die in der klassischen Startup-Beratung kaum Anwendung finden. Darüber hinaus müssen Berater:innen ein gutes Gespür für die Balance zwischen Wirkung und Wirtschaftlichkeit mitbringen. Soziale Startups agieren oft in komplexen, durch Gesetzgebung, Richtlinien und Förderstrukturen geregelten Märkten, müssen aber dennoch wirtschaftlich tragfähig sein. Das bedeutet: Klassische Tools wie Businessplan, Finanzierungsstrategie oder Lean Startup müssen um neue Perspektiven ergänzt werden wie das Social Business Canvas, hybride Finanzierungsmodelle oder soziale Investitionsformen, zum Beispiel Social Impact Bonds, Wirkungsfonds und Crowdfunding mit Community-Ansatz. Ein weiteres zentrales Kompetenzfeld ist die Kenntnis sozialer und gemeinwohlorientierter Rechtsformen und Förderstrukturen – wie für Deutschland die gGmbH oder eingetragene Genossenschaften und Stiftungen –, ebenso wie ein Überblick über spezifische nationale und europäische Förderinstrumente für Soziale Innovationen. Diese sind für viele soziale Startups und Social Entrepreneurs entscheidend, werden jedoch in klassischen Gründungsberatungen selten thematisiert. Hinzu kommen methodisch-didaktische Kompetenzen, um Gründer:innen mit oft sehr diversen Hintergründen – etwa aus der Sozialarbeit, der Bildung, der Geflüchtetenhilfe oder dem Ehrenamt – auf Augenhöhe und ressourcenorientiert zu begleiten. Beratung in diesem Feld bedeutet häufig auch Empowerment und Community-Building, nicht nur Business Development. Nicht zuletzt spielt auch der Umgang mit komplexen Stakeholder-Strukturen eine Rolle. Soziale Startups arbeiten oft an Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft, öffentlicher Hand und Wirtschaft. Die Vermittlung der Fähigkeit, in diesen Umfeldern zu navigieren, Kooperationen zu initiieren und unterschiedliche Erwartungen auszubalancieren, ist für Berater:innen essenziell. Und klar: Soziale Gründungen entstehen heute oft in einem digitalen, hybriden, dezentralen Kontext. Das bringt zusätzliche Herausforderungen und Anforderungen an die Beratung. Stichwort Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Soziale Startups tragen auch hier eine doppelte Verantwortung – für Innovation und für das Gemeinwohl. Deshalb sollten sie KI nicht bloß als technisches Tool, sondern als gestaltbares soziales Instrument begreifen. Der Fokus sollte nicht auf maximaler Effizienz, sondern auf Fairness, Wirkung und Menschlichkeit liegen. Kurzum: Klassische Startup-Beratung reicht für soziale Gründungen häufig nicht aus, weil sie auf ein eindimensionales Verständnis von Erfolg ausgerichtet ist. Die Beratung sozialer Startups erfordert hingegen eine interdisziplinäre, wirkungsorientierte, empathische und systemische Herangehensweise – und dafür braucht es spezifische Kompetenzen, die in dem von uns noch zu entwickelnden Curriculum gezielt vermittelt werden sollen.  KoSI: Wie gehen Sie methodisch bei der Entwicklung des Trainingskonzepts vor? Kunz: Die Methodik zur Konzeptentwicklung basiert auf einem Co-Creation-Ansatz mit den Partnerorganisationen aus Estland, den Niederlanden und Luxemburg. Ausgangspunkt ist eine gemeinsame Bedarfsanalyse, in der bestehende Trainingsangebote, rechtliche Rahmenbedingungen, Zielgruppenprofile und institutionelle Förderlandschaften verglichen werden. Diese Vielfalt wird nicht als Hindernis, sondern als Ressource verstanden. Auf dieser Grundlage wird dann ein modular aufgebautes Trainingskonzept entstehen, das sowohl europaweit einsetzbare Kernmodule - beispielsweise zu Wirkungsmessung, Geschäftsmodellentwicklung und Social Finance - als auch kontextspezifische Bausteine umfasst, gerade zu nationalen Förderprogrammen und rechtlichen Besonderheiten.  KoSI: Wird es auch dann Tests in der Praxis geben? Kunz: Ja. In Pilottrainings und Testphasen – sowohl online als auch in Präsenz – wird das Curriculum erprobt, angepasst und iterativ weiterentwickelt. Ein begleitendes Trainer:innenhandbuch soll Umsetzungshinweise, Methodenempfehlungen und nationale Adaptionshilfen enthalten. So sollen die Teilnehmer:innen von Trainings in die Lage versetzt werden, soziale Startups nicht nur lokal, sondern auch mit Blick auf europäische Ressourcen kompetent zu beraten. Wichtig auch: Das Konzept soll so angelegt werden, dass es soziale Startups nicht nur in ihrer Gründung, sondern auch bei ihrer weiteren Skalierung unterstützt. Themen wie Wirkungstransfer, Replikationsmodelle und europäische Netzwerke werden integraler Bestandteil des Curriculums sein. Alle Trainingsmaterialen sollen dann öffentlich zugänglich sein. Ziel ist zudem der Aufbau einer „Community of Practice”, in der qualifizierte Berater:innen über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, voneinander lernen und gemeinsam zur Stärkung des sozialen Unternehmertums in Europa beitragen. Das alles wollen wir bis Anfang 2027 realisiert haben. Hierbei legen wir den Fokus zunächst auf unsere ESIA-Länder. Eine grenzüberschreitende Anschlussfähigkeit von Beratung ist insbesondere für sozialunternehmerische Ansätze mit skalierbarem oder replizierbarem Potenzial von zentraler Bedeutung und liegt insbesondere bei den ESIA-Nachbarländern Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg nahe. Aber wir denken schon jetzt weiter.  KoSI: Welche langfristige Wirkunge erhoffen Sie sich denn durch das Vorhaben? Kunz: Wie schon gesagt: Wir wollen einen strukturellen Beitrag zur Professionalisierung und Vernetzung der Beratungspraxis für soziale Startups in Europa zu leisten. Es geht uns nicht nur um die Vermittlung von Fachwissen, sondern um die Etablierung gemeinsamer Standards, eines geteilten Verständnisses von sozialem Unternehmertum und um die Entstehung einer europaweiten Berater:innen-Community - über unsere vier ESIA-Länder hinaus. Für die Berater:innen soll das Vorhaben neue Perspektiven der Professionalisierung und Positionierung ermöglichen. Sie erwerben nicht nur spezialisierte Kompetenzen im Bereich Social Entrepreneurship, sondern werden Teil eines europäischen Netzwerks, das Austausch, Weiterentwicklung und gegenseitige Unterstützung ermöglicht. Dies stärkt die Qualität und Reichweite ihrer Arbeit und kann dazu beitragen, die Sichtbarkeit und Anerkennung der Beratungsleistung in diesem Bereich zu erhöhen – auch gegenüber politischen und institutionellen Akteuren. Wir wollen hier insgesamt wirklich ein Signal senden für die Notwendigkeit eines systemischen Unterstützungsrahmens für soziale Gründungen – jenseits punktueller Förderprojekte. Ultimativ sehen wir einen Beitrag für die stärkere Verankerung von Social Entrepreneurship in der europäischen Förder- und Wirtschaftspolitik.  KoSI: Und was kann Social Impact, Ihre eigene Organisation, hieraus mitnehmen? Kunz: Social Impact selbst kann von diesem Prozess auf mehreren Ebenen profitieren. Als Pionierorganisation in der Unterstützung von sozialen Startups bringt Social Impact langjährige Erfahrung in der praxisnahen Gründungsberatung und in der Entwicklung von Qualifizierungsformaten ein. Durch die transnationale Zusammenarbeit kann dieses Wissen weiterentwickelt, reflektiert und in neue Kontexte überführt werden. Der Zugang zu europäischen Partnerorganisationen, Märkten und Innovationsansätzen erweitert die eigene methodische und strategische Perspektive. Zudem bietet das Projekt die Chance, die eigene Wirkung über nationale Grenzen hinaus zu verstärken und als Impulsgeber für einen professionellen Beratungsstandard im sozialen Unternehmertum europaweit sichtbar zu werden.

Interview mit Dr. Simon Rettenmaier vom DGB Niedersachsen

Juli 2025 Soziale Innovationen in Niedersachsen: Sozialpartnerschaft als Erfolgsmodell in der Förderung KoSI-Mitglied Dr. Simon Rettenmaier, Leiter der DGB-Beratungsstelle für Soziale Innovation, spricht im Interview über die Erfolgsfaktoren des niedersächsischen ESF+-Fördermodells für Soziale Innovationen. X  KoSI: Herr Dr. Rettenmaier, vor rund drei Jahren haben Sie die Leitung der Stelle für Soziale Innovation beim DGB Niedersachsen übernommen - eine von insgesamt drei Beratungsstellen für Soziale Innovation in Niedersachsen im Rahmen des Europäischen Sozialfonds. Wie stand es 2022 bei Ihrem Antritt um das Thema Soziale Innovation? Rettenmaier: Die Beratungsstelle beim DGB gibt es bereits seit 2015. Seitdem ist der Begriff der Sozialen Innovation meiner Beobachtung nach in ständiger Fortentwicklung. Das zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit den anderen beiden Stellen für Soziale Innovation: von den Unternehmerverbänden Niedersachsen e.V. und der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen e.V. Die Kooperation lief hier stets gut und sozialpartnerschaftlich, allerdings bestand bei meinem Antritt nicht unbedingt ein einheitliches Innovationsverständnis. Daher war es eines meiner ersten größeren Projekte, alle Beteiligten an der niedersächsichen Richtlinie „Soziale Innovation” zu einem Workshop einzuladen. Wir haben uns dann verschiedene wissenschaftliche Definitionen von Sozialer Innovation angeschaut, ganz bewusst offen und ohne direkt etwas festzulegen. So bin ich übrigens auch erstmals mit der TU Dortmund [Anm. d. Red.: ein weiteres Mitglied von KoSI] und deren Definition von Sozialer Innovation in Kontakt gekommen. Ich war grundsätzlich ziemlich überrascht, wie breit Soziale Innovation in der Wissenschaft definiert wird. Mir wurde klar: Wenn wir in Niedersachsen wirklich gut sozialpartnerschaftlich zusammenarbeiten wollen, brauchen wir hierzulande eine gemeinsame Arbeitsdefinition.  KoSI: Und wie war die Reaktion? Da gab es seitens der Sozialpartner und der Verwaltungsbehörde gar keinen großen Widerstand. Alle haben gesehen, dass es an der Stelle noch Luft nach oben gab. Die dann im Prozess entstandene Arbeitsdefinition für uns in Niedersachsen orientiert sich stark an der Definition aus der Nationalen Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen. Das hat 2022 im Wesentlichen meinen thematischen Einstieg als Leiter der DGB-Stelle geprägt und daraus haben sich dann weitere Professionalisierungsschritte bis heute entwickelt.  KoSI: Wie werden denn heute im Rahmen der ESF-Förderrichtlinie Soziale Innovationen in Niedersachsen ausgewählt? Rettenmaier: Das hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert und wurde auch an dieser Stelle zunehmend professionalisiert. Heute läuft es wie folgt: Die eingereichten Ideen werden zunächst bei der NBank, der Förderbank des Landes, gesammelt. Von dort werden sie an die Niedersachsen.next weitergeleitet. Das ist die zentrale Innovations- und Digitalagentur des Landes Niedersachsen, die bis 2024 noch unter dem Namen „Innovationszentrum Niedersachsen“ firmierte. Dort sitzen Fachleute, viele davon promoviert, aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Sie sind dafür zuständig, die Innovationsanträge fachlich zu bewerten. Sie verfügen über ein standardisiertes Prüfschema, mit dem sie den Innovationsgrad der Ideen bewerten und entsprechende Gutachten erstellen – inklusive einer Punktzahl. Diese Gutachten bilden die Grundlage für die Entscheidungsfindung unserer Steuerungsgruppe. In dieser sind die Niedersächsische Staatskanzlei, das Wirtschaftsministerium, das Sozialministerium, Niedersachsen.next, die NBank, die Ämter für regionale Landesentwicklung sowie die drei Stellen für Soziale Innovation vertreten.  KoSI: Und was passiert, wenn es da Uneinigkeit gibt? Rettenmaier: Das kann natürlich vorkommen. Es ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Das liegt auch daran, dass die Richtlinie „Soziale Innovation" in Niedersachsen inzwischen immer deutlich überzeichnet ist und wir aufgrund begrenzter Mittel nicht so viele Ideen fördern können, wie wir es gerne würden. In solchen Fällen von Uneinigkeit gibt es die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Dieser muss in schriftlicher Form im Vorfeld erfolgen. Dann kann beispielsweise die Stelle des DGB Niedersachsen sagen: „Ich glaube, die Idee wurde von Niedersachsen.next aus dem Antragsformular heraus nicht ganz richtig verstanden“, und ein Gegengutachten schreiben. In einem solchen Fall gehen dann Gutachten und Gegengutachten den Mitgliedern der Steuerungsgruppe zu und bilden die Diskussionsgrundlage. Das klingt jetzt vielleicht alles ein bisschen bürokratisch – und ja, es ist ziemlich durchgetaktet. Aber so stellen wir sicher, dass die Auswahl transparent, fachlich fundiert und dennoch mit Raum für Nachjustierungen erfolgt.  KoSI: Ist das Auswahlverfahren für Soziale Innovationen in Niedersachsen eigentlich einzigartig in Deutschland oder machen andere Bundesländer das ähnlich? Rettenmaier: In der Art, wie wir das mit den drei Stellen in Niedersachsen machen, ist es derzeit tatsächlich einzigartig. Dieser sozialpartnerschaftliche Ansatz hat jedoch einen historischen Hintergrund, der gar nicht direkt mit Sozialen Innovationen zu tun hat. 2007 wurden in Lüneburg drei Büros gemäß der ESF-Verordnung zum Kapazitätsaufbau für Sozialpartner in Konvergenzregionen eingerichtet. Die Arbeit der Büros war außerordentlich erfolgreich, insbesondere mit Blick auf soziale Innovationsprojekte, und alle Beteiligten waren von der Wirkung der Netzwerkbreite so überzeugt, dass man das Konzept landesweit ausweiten wollte. Daher hat man dann die Sozialpartnerschaft in der Richtlinie für Soziale Innovationen ebenfalls verortet. Mit Erfolg: Jetzt gehen wir in der zweiten Förderperiode mit dieser Aufstellung aufs Spielfeld.  Die drei Stellen für Soziale Innovation in Niedersachsen (Foto © DGB Niedersachsen)  KoSI: Würden Sie sagen, dass sich das Modell auch auf andere Bundesländer übertragen ließe – oder sogar sollte? Rettenmaier: Ja, absolut. Wir werben auch aktiv dafür. Mit unserer Richtlinie sind wir die Musterschüler in Niedersachsen. Wir sind oft auch die Ersten, die sagen: „Wir brauchen mehr Geld!" Das erscheint mir bemerkenswert, da wir mit unserem Innovationsanspruch auf einem wirklich hohen und anspruchsvollen Niveau operieren und die Nachfrage trotzdem steigt, statt zu fallen. Andere Bundesländer haben mit ihren Richtlinien Schwierigkeiten, ihre Fördermittel abzurufen. Lange Zeit haben wir uns übrigens selbst gefragt: Liegt unsere hohe Nachfrage in Niedersachsen an den besseren Fördersätzen, die wir als priorisiertes Fördervorhaben erhalten, oder ist unser Erfolg gänzlich systematisch begründet. Inzwischen ist klar: Selbst mit sinkenden Förderquoten bleibt die Nachfrage hoch. Wir mussten kürzlich die Kofinanzierung von 80 % in der Übergangsregion und 70 % im restlichen Teil des Landes auf landesweit 60 % senken – die Nachfrage hat darunter nicht gelitten. Das darf allerdings nicht als Plädoyer für niedrigere Förderquoten missverstanden werden. Die sinkende Quote ist durchaus spürbar bei uns, insbesondere weil die Bildungsträger und klassischen Player gemeinwohlorientierter Unternehmungen zu niedrigeren Konditionen nicht mehr mithalten können. Bei 60 % sehen wir die rote Linie recht klar.  KoSI: Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Nachfrage dennoch insgesamt so hoch geblieben ist, trotz des substanziellen Eigenbeitrags, den geförderte Projekte beisteuern müssen? Rettenmaier: Im aktuellen Durchgang haben wir über 50 Einreichungen, doch wir können meist nur zwischen fünf bis acht Projekte fördern. Die hohe Nachfrage liegt meines Erachtens vor allem am gewachsenen Netzwerk, das wir in Niedersachsen aufgebaut haben. Die drei Stellen brainstormen die Ideen mit den potenziellen Antragstellern von Beginn an innerhalb der sozialpartnerschaftlichen Struktur, überlegen gemeinsam, wie strukturelle Herausforderungen gemeistert, Ideen gefördert und Lösungen nach der Förderung auch verstetigt werden können. Es ist schon etwas Besonderes, dass Arbeitgeber, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände auf einer festen Arbeitsebene so eng und kontinuierlich zusammenarbeiten. Deshalb bin ich ein großer Fan dieses Modells, weil es sich schlicht bewährt hat.  KoSI: Wie wird das Thema Wirkungsmessung bei der Förderung in Niedersachsen behandelt? Rettenmaier: Ich bin Mitglied der Steuerungsgruppe Evaluation. Das ist ein Begleitgremium, das die externen Evaluatoren seitens der Staatskanzlei unter Verbandseinbindung bei den Überlegungen zur Evaluation der Förderung unterstützt. In dieser Konstellation versuchen wir, die richtigen Fragen zu finden, denen man mit all den Berichten nachspüren sollte. Das ist gar nicht so einfach. Diese Berichte sind aber natürlich auch echte Mamutprojekte. Wenn man sich damit im Allgemeinen beschäftigt, stellt man fest, dass derlei Berichte nicht selten erst dann fertig werden, wenn die neue Förderperiode schon anläuft. Inwieweit dann auf Grundlage des Berichts zur alten Förderperiode noch tiefergreifende Nachsteuerung möglich ist, darf diskutiert werden. Aber das macht natürlich niemand absichtlich. Um ehrlich zu sein: Ad hoc habe ich auch keinen besseren Vorschlag parat.  KoSI: Wenn Sie auf das Portfolio der geförderten Sozialen Innovationen in Niedersachsen schauen, wie hoch ist dann der Anteil technologiebasierter Projekte? Mein Eindruck ist, dass das technologische Element bei Ihnen recht präsent ist. Rettenmaier: Ja, dieser Eindruck täuscht nicht. Früher war das weniger stark ausgeprägt, aber inzwischen nimmt die technologische Komponente deutlich zu, was natürlich auch an der großen Konkurrenz unter den Ideen liegt. Wenn ich mit 50 Ideen um fünf Plätze konkurriere, dann wird die Luft schnell dünn und der Anspruch an die Neuartigkeit wächst rasant. Vor fünf Jahren war eine Idee bei uns wettbewerbsfähig, wenn sie für Niedersachsen neuartig war. Inzwischen sind die meisten unserer geförderten Ideen in Deutschland oder sogar mit Blick Europa neuartig. Das Projekt „ShuntWizard" vom Städtischen Klinikum Braunschweig hat beispielsweise einen Innovationsgrad, der schon sehr beeindruckend ist. Da zeigen sich Professoren von Harvard und renommierte wissenschaftliche Journals interessiert.  KoSI: Inwiefern bringt der technologische Aspekt denn grundsätzlich Vorteile? Rettenmaier: Er erleichtert es, Ideen in die Fläche zu bringen. Das ist nicht nur bei uns in Niedersachsen ein ganz zentrales Kriterium. Wir sind ein Flächenland, und wenn ein Projekt gut skalierbar ist, ist das natürlich von Vorteil. Ein Beispiel: Wenn du ein Schulungs- oder Beratungsprogramm über eine App bereitstellen kannst – also unabhängig von klassischen Bildungsträgern, festen Kursformaten und starren Beratungszeiten –, dann ist das ein klarer Vorteil. Solche Lösungen sind niedrigschwelliger, flexibler und erreichen mehr Menschen. Jetzt haben wir mit der KI natürlich noch einen zusätzlichen Schub, der innovative Ideen oftmals mit einem möglichst umfassenden Servicecharakter ausgestalten kann.  Am 09. Dezember 2024 gab es im Niedersächsischen Europaministerium ein Spitzentreffen zur Sozialen Innovation, bei dem auch die drei Stellen für Soziale Innovation referierten. Bild von links nach rechts: Wiebke Krohn (UVN), Benedikt Hüppe (UVN), Ministerin Wiebke Osigus, Imke Schmieta (LAG FW), Merdad Payandeh (DGB), Martin Fischer (LAG FW), Dr. Simon Rettenmeier (DGB) (Foto @ MB)  KoSI: Gibt es bestimmte Branchen oder Themen, in denen Soziale Innovationen bei eurer Förderung besonders häufig vorkommen? Oder gibt es vielleicht etwas Typisches für Niedersachsen? Rettenmaier: Ja, da lassen sich schon Muster erkennen. Unsere Richtlinie hat zwei Hauptarbeitsfelder: Daseinsvorsorge und Arbeitswelt im Wandel. Diese klingen zunächst recht breit, konzentrieren sich aber ziemlich genau auf zwei strukturelle Merkmale Niedersachsens. Bei der Daseinsvorsorge ist das ganz klar die bereits erwähnte Herausforderung des Flächenlands. In unserem Bundesland muss man oft enorme Distanzen überbrücken. Um noch einmal ein Beispiel hierfür zu skizzieren: Wir stehen in Kontakt mit Menschen, die eine queere Beratung auch im ländlichen Raum ermöglichen wollen. In Städten ist das überhaupt kein Problem, aber im ländlichen Raum – in der Lüneburger Heide beispielsweise – kann die nächste Beratungsstelle 80 bis 100 Kilometer entfernt sein. Für eine 16-jährige Person ohne Führerschein ist das kaum zu stemmen. Da braucht es digitale oder mobile Lösungen.  KoSI: Und wie sieht es mit dem zweiten Feld, der Arbeitswelt, aus? Rettenmaier: Niedersachsen ist ein Industrieland und sieht sich daher natürlich auch mit den klassischen Transformationsherausforderungen konfrontiert. Dazu gehören die Herausforderungen der Dekarbonisierung, der Arbeitsweltwandel durch Digitalisierung und Automatisierung sowie der Fachkräftemangel. All das führt zu einem enormen Bedarf an Orientierung, Weiterbildung, Umschulung und Qualifizierung. Hier können wir flankierend auftreten, neue Ansätze erproben und Orientierung schaffen. Das betrifft – wie auch die Daseinsvorsorge – alle, weshalb die Richtlinie für Soziale Innovationen auch auf offene Ohren trifft. Ob Geschäftsführung eines klassischen KMU, Betriebs- oder Personalrat oder Start-up – die Kontaktaufnahmen kommen ebenenübergreifend bei uns an.  KoSI: Jenseits der Tatsache, dass Sie beim DGB Niedersachsen als Beratungsstelle Soziale Innovationen aktiv fördern, wie blicken Sie grundsätzlich auf die Rolle von Gewerkschaften, Betriebsräten und Personalräten beim Thema Soziale Innovation? Es gibt ja auch die Kritik, dass diese Akteure eher innovationshemmend wirken. Wie stehen Sie dazu? Rettenmaier: Dass sie per se innovationshemmend sind, würde ich nicht sagen. Aber natürlich ist die Zusammenarbeit nicht immer einfach – das liegt in der Natur der Sache. Wenn ein Betriebsrat zu schnell jede Neuerung absegnet, macht er seinen Job nicht gut. Er ist schließlich dafür da, die hart erkämpften Errungenschaften der Arbeitnehmerseite zu schützen. Was die Rolle der Gewerkschaften angeht, kam in einem Workshop in meiner Anfangszeit beim DGB Niedersachsen genau diese Kritik: Wir seien keine Innovationstreiber. Meine Antwort damals war: Der Acht-Stunden-Tag, die 40-Stunden-Woche und die Sozialversicherung sind alles Soziale Innovationen, die von Gewerkschaften durchgesetzt wurden. Und sie haben oft deutlich mehr Widerstand ausgelöst als heutige technologische Neuerungen. Diese Errungenschaften müssen auch heute noch geschützt werden. Die aktuelle politische Großwetterlage mit Diskussionen über die Arbeitszeit oder das Streikrecht verdeutlicht das sehr gut.  KoSI: Können Sie ein aktuelles Beispiel aus Ihrer Förderung nennen, bei dem sich Betriebsräte aktiv und produktiv eingebracht haben? Rettenmaier: Ja, ein sehr anschauliches Beispiel ist ein Projekt in Niedersachsen mit Exoskeletten, die im Handwerk und in der Pflege erprobt werden. Da war die gewerkschaftliche Vermittlung besonders gefragt. Die Betriebsräte hatten viele Fragen und Bedenken, beispielsweise, ob Beschäftigte vor dem Einsatz eines Exoskeletts medizinisch komplett durchgecheckt werden müssen. Das wollten viele verständlicherweise nicht. Und da kam dann die Frage auf: Was, wenn das Schule macht? Müssen dann alle durch diese Untersuchung? Weiß dann das Unternehmen en detail, wie es um die Gesundheit der Belegschaft bestellt ist? Wie wird mit diesen Daten umgegangen? Das zeigt, wie wichtig es ist, diese Perspektiven ernst zu nehmen. Wenn das gelingt, passiert etwas Spannendes: Sobald der Betriebsrat überzeugt ist, bringt er sich oft aktiv in die Weiterentwicklung eines Projekts ein. In dem Fall der Exoskelette hat er gesagt: An manchen Stellen ist die Erprobung gar nicht so sinnvoll, an der Laderampe jedoch sehr wohl, da es dort wirklich helfen würde. Das Projekt wurde daraufhin substanziell umgestaltet und zeigt mustergültig, wie innovative Projektierungen durch gelebte Mitbestimmung gewinnen können.  KoSI: Sie forschen auch selber dazu, wie man Betriebsräte besser beim Thema Soziale Innovation einbinden kann? Rettenmaier: Ja, tatsächlich arbeite ich in Abstimmung mit anderen Fachabteilungen gerade daran. Wir bestimmen verschiedene Statusgruppen möglicher Innovatoren, bereiten Fragen für Experteninterviews vor und entwickeln einen Fragebogen, um das Innovationsempfinden im betrieblichen Alltag auszuloten. Am Ende wollen wir so die Gelingensbedingungen herausfinden, um beispielsweise Betriebs- und Personalräte gezielt für Soziale Innovation zu aktivieren. Welche Bedingungen braucht es, damit der Betriebsrat zum Intrapreneur wird? Das muss aber nicht zwangsläufig auf den Betriebsrat oder die Betriebsrätin beschränkt sein. Die Freie Wohlfahrtspflege wird im Rahmen dieser Studie auch innerhalb ihrer Projekte in Niedersachsen schauen, was sich an Gelingensbedingungen für dortige Innovationsbeauftragte usw. ausmachen lässt.  KoSI: Denken Sie, dass der „Intrapreneur“ grundsätzlich unterschätzt wird? Rettenmaier: Ja, absolut. Das sehe ich auch daran, dass sich erstaunlich viele Start-ups in unserer Beratungsstelle melden, darunter auch solche, die man gar nicht im gewerkschaftlichen Umfeld erwarten würde. Wenn ich sie dann frage, warum sie nicht bei einem etablierten Träger andocken, höre ich oft: Weil man dort mit Ideen nicht richtig durchkommt oder weil die Angst existiert, dass die großen alten Tanker zu lange brauchen, bis sie ein Wendemanöver eingeleitet haben. Deshalb wollen wir anhand unserer Projekte schauen, wie man Räume schaffen kann, in denen gerade junge Menschen mit Ideen wirklich andocken und aus dem Regelbetrieb heraus etwas bewirken können.  Die Stelle für Soziale Innovation beim DGB Niedersachsen gibt es seit 2015. (Foto @ DGB/Florentine Sievers)  KoSI: Begegnen Ihnen denn Projekte, bei denen Sie sagen: Das hat wirklich disruptives Potenzial? Rettenmaier: Ja, solche Projekte gibt es natürlich. Da ist der bereits erwähnte „ShuntWizard“. Das ist eine KI-basierte Anwendung, die dabei hilft, den Zustand von Shunts bei Dialysepatienten frühzeitig zu überwachen – mit dem Smartphone. Heute wird das noch mit dem Stethoskop gemacht, was im Alltag schwierig ist. Das damit betraute medizinische Personal erledigt diese Aufgabe quasi nebenbei. Dabei ist sie natürlich außerordentlich wichtig für alle Beteiligten. Wenn der Shunt dicht ist, muss eine Not-OP durchgeführt werden. Das ist für die Patientin oder den Patienten unschön und kostet das Gesundheitssystem viel Geld. Der ShuntWizard kann also potenziell schwere Komplikationen verhindern, gibt mehr Freiheit, etwa um zu reisen oder zu arbeiten. Zudem wird das Pflegepersonal und das Gesundheitssystem entlastet. Das ist schon sehr beeindruckend.  KoSI: Hätte dieses Projekt auch ohne die ESF-Förderung eine Chance gehabt? Rettenmaier: Schwierig. Ich habe mit dem Team viel darüber gesprochen. Es unterscheidet sich mit der Patientenfokussierung ja schon von klassischer Forschungsförderung, wie man sie beispielsweise bei der DFG (Anm. d. Redaktion: Deutsche Forschungsgemeinschaft) vorrangig findet. Unsere Förderung über den ESF und Soziale Innovation war da wirklich eine passende Nische. Aber auch mit unserer Förderung ist die Erfolgsgeschichte noch nicht gekrönt. Ich bin jedoch überzeugt, dass sich der ShuntWizard durchsetzen wird – allein schon wegen des traurigerweise riesigen Marktes an Diabetespatienten. Es ist ein globales Problem mit riesigen Fallzahlen, schaut man nur in die USA oder nach Indien. Da wird die soziale Bedeutung des ShuntWizards sofort deutlich. Dennoch fördern wir erstmal nur die Erprobungsphase. Danach wird es wohl eine Durststrecke geben, bis die Zulassung als ein Medizinprodukt vorliegt. Die ESF-Förderung hat hier gut gegriffen. Um noch besser zu wirken, bräuchten wir zusätzlich eine Brücken- oder Anschlussfinanzierung für Projekte nach der Erprobung und Entwicklung, die dann bei der Verstetigung hilft.  KoSI: Was uns grundsätzlich fehlt, ist also eine Diskussion darüber, wie man tatsächlich Verstetigung bei Sozialer Innovation bzw. grundsätzlich nach öffentlicher Förderung schafft… Rettenmaier: Ja, und das ist eben oft eine Finanzierungsfrage – nicht unbedingt eine Qualitätsfrage. Es bringt wenig, wenn wir tolle Projekte fördern, die dann nach drei Jahren wegbrechen, weil niemand die Anschlussfinanzierung übernimmt. Gerade diese Durststrecke – die Phase zwischen erfolgreicher Erprobung und Marktzulassung – ist für viele Projekte existenzbedrohend. Viele schaffen es genau in dieser Phase nicht weiter. Wir versuchen oft, das abzufangen, beispielsweise durch gezielte Lobbyarbeit oder das Einbinden von Ministerien und anderen relevanten Akteuren. Ehrlich gesagt, ist das nicht optimal geregelt. Das muss man so klar sagen. Gerade wenn es sich – wie in diesem Fall vom ShuntWizard – um ein Projekt in der Daseinsvorsorge handelt, das einen klar sozialen Zweck erfüllt, dann reicht es nicht zu sagen: Drei Jahre Projektlaufzeit mit 60 Prozent Förderung durch den ESF, das muss jetzt genügen.  KoSI: Lassen Sie uns den Blick nach Brüssel richten. Wie nehmen Sie die aktuelle Entwicklung rund um den ESF im Rahmen der Ausarbeitung des neuen Mehrjährigen Finanzrahmens der EU für die Jahre 2027 bis 2034 wahr? Rettenmaier: Der DGB ist da sehr aktiv, auch gemeinsam mit der Wohlfahrtspflege. Was mir auffällt: Der ESF ist hierzulande vielen gar nicht so präsent, obwohl viele Projekte – auch im Rahmen der Gewerkschaften wie ver.di, der IG BAU oder der IG Metall – davon profitieren. Entsprechend gering ist die allgemeine Aufmerksamkeit in Deutschland dafür, wie es mit dem ESF, inklusive der Förderung Sozialer Innovation, weitergeht. In Brüssel selbst ist aber vieles derzeit noch vage. Es wird spekuliert, ob Gelder gekürzt werden und ob Mittel stärker zentralisiert werden. Ich denke, da wird gerade viel getestet – und man schaut, wie stark der Widerstand betroffener Akteure ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns da gut aufstellen. Aber ich bleibe für den Moment optimistischer als viele andere. Noch ist wenig wirklich konkret. Aber natürlich heißt das nicht, dass man verbandsstrukturiert nicht kritisch darauf achten sollte.  KoSI: Eine letzte Frage noch: Wenn wir zumindest auf die aktuellen Tendenzen in Brüssel schauen – sollten wir das Narrativ zu Sozialen Innovationen nicht jetzt schon stärker auf Technologie und Wettbewerbsfähigkeit ausrichten, um politisch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen beziehungsweise relevant zu bleiben? Rettenmaier: Das ist eine schwierige Gratwanderung. Ich schätze es sehr an unserer Richtlinie in Niedersachsen, dass sie eben nicht sofort alles ins Verwertungsparadigma presst. Und: Scheitern gehört bei uns ausdrücklich dazu – und das muss auch möglich sein. Leider wird das oft vergessen. Ich glaube, wir haben verlernt zu verstehen, wie Erkenntnisgewinn eigentlich funktioniert. Scheitern ist dabei nämlich essenziell.

Interview mit Dr. Georg Mildenberger vom Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen

Juni 2025 „Soziale Innovation trifft auf Systeme, die sich nicht ändern wollen“ Viele Soziale Innovationen scheitern nicht an ihrer Qualität – sondern an starren Systemen. Unser KoSI-Mitglied Dr. Georg Mildenberger vom CSI Heidelberg erklärt im Interview, wie der Accelerator „System Innovation Lab“ soziale Initiativen dabei unterstützt, systemische Barrieren zu erkennen und gezielt zu überwinden.  x  KoSI: Dr. Mildenberger, viele Initiativen im Bereich der Sozialen Innovationen schaffen es nicht, sich zu verstetigen, zu skalieren und systemisch zu wirken. Sie bleiben klein, lokal – oder verschwinden wieder. Woran liegt das? Mildenberger: Das ist zum Teil ein ganz normales Innovationsphänomen, das wir auch aus der technischen Innovation kennen. Im 19. Jahrhundert gab es alle zwei Wochen eine bahnbrechende, technische Neuerung – und acht Wochen später war sie wieder verschwunden, weil sich herausstellte: braucht keiner, funktioniert nicht richtig oder es gibt etwas Besseres. Dass sich viele Innovationen nicht durchsetzen, ist eigentlich der Normalfall.  KoSI: Aber das erklärt noch nicht, warum manch gute Ideen nicht durchkommen, obwohl sie funktionieren, oder? Mildenberger: Richtig. Die Innovationsforschung hat immer wieder gezeigt, dass es eben nicht automatisch die besten Ideen sind, die sich durchsetzen. Es gibt Phänomene wie Pfadabhängigkeiten oder Lock-ins – also Situationen, in denen sich eine Lösung erst mal durchgesetzt hat, ein System drumherum aufgebaut wurde und danach Alternativen kaum noch eine Chance haben. Technisch gesehen sieht man das gut am Auto: Um 1900 war das Elektroauto bereits einem Benziner überlegen. Trotzdem setzte sich der Verbrenner durch – aus verschiedenen Gründen. Und dann entwickelte sich eine ganze Infrastruktur, ganz auf Verbrennerautos ausgerichtet. Und jetzt tun sich E-Autos heute wieder schwer, unter anderem wegen der Infrastrukturthematik.  KoSI: Und bei Sozialen Innovationen ist das ähnlich? Mildenberger: Genau. Eine soziale Innovation will oft etwas grundsätzlich anders machen. Aber sie kommt eben nicht in ein Vakuum, sondern trifft auf bestehende Routinen, Institutionen, Regelwerke, Finanzierungsstrukturen. Und die warten nicht darauf, verändert zu werden. Im Gegenteil: Die wollen oft gar nicht gestört werden. Nicht aus Bosheit – sondern weil Veränderung anstrengend ist. Sie ist aufwendig, sie ist unbequem und natürlich auch riskant. Und solange der Druck etwas zu ändern nicht groß genug ist, bleibt man lieber beim Bewährten.  KoSI: Und da setzt der Accelerator „System Innovation Lab“ an? Mildenberger: Ja. Die Grundidee ist: Wir helfen Initiativen und Startups, ihre Umgebung besser zu verstehen. Also: In welcher Welt würde eure Innovation richtig gut funktionieren? Und wie sieht die Realität tatsächlich aus? Daraus ergibt sich dann die Frage: Wie kann ich das System gezielt so beeinflussen, dass meine Idee eine Chance hat? Welche Regel muss ich ändern, welche Partner brauche ich, welche Sprache spricht die Zielgruppe – im Zweifel auch die Regulierungsbehörde?  KoSI: Das heißt, es geht nicht darum, die Innovation selbst zu verändern – sondern das System beziehungsweise den Blick auf das System? Mildenberger: Richtig. Normalerweise passt man ein Produkt an den Markt an: Weniger Knoblauch in der Wurst, weil die Kunden es so lieber mögen. Aber manchmal ist der Knoblauch wichtig – und die Leute wissen es bloß noch nicht. Dann muss man überlegen, wie man die Umgebung so verändert, dass der Knoblauch akzeptiert wird. Das ist genau unser Ansatz beim System Innovation Lab.  KoSI: Gibt es Vorbilder für das System Innovation Lab? Mildenberger: Ja, etwa das DRIFT-Institut in Rotterdam arbeitet mit der sogenannten Multi-Level-Perspective – also dem Zusammenspiel von Nischen, Regimen und der gesellschaftlichen Landschaft. Die fragen: Wie kommt eine Idee aus der Nische in den Mainstream? Und wie kommt es dann zur gesellschaftlichen Veränderung. Wir arbeiten auch mit dieser Theorie – und haben in früheren Projekten, zum Beispiel mit dem Wuppertal Institut, ähnliche Programme getestet. Jetzt übertragen wir das auf neue Kontexte, etwa im Donauraum, von der EU gefördert . Da fanden in den letzten Monaten drei System Innovation Labs statt, in Moldawien, Serbien und Ungarn.  KoSI: Und wie gut hat das funktioniert? Mildenberger: Erstaunlich gut. Vor allem, weil manche Akteure dort oft näher an Politik und Verwaltung dran sind. In Moldawien zum Beispiel haben sich durch das Lab Organisationen auf allen Ebenen zusammengerauft, weil sie verstanden haben, dass sie sich vorher gegenseitig blockiert haben – ohne es zu merken. Da hat das Lab als Katalysator funktioniert.  KoSI: In Deutschland gibt es das System Innovation Lab jetzt zum ersten Mal? Mildenberger: Es ist nicht das allererste Mal – aber in dieser Konstellation und Zielgruppe ist es neu. Förderung hierfür haben wir – gemeinsam mit dem ImpactHub Stuttgart und dem Lehrstuhl Organisationspädagogik der Universität Trier – durch Nachhaltig.Wirken vom Bundeswirtschaftsministerium erhalten, was uns sehr gefreut hat. Nachhaltig.Wirken bringt das Thema Wirkung in ganz neue Kontexte. Nicht nur bei Start-ups, sondern auch in klassischen Organisationen. Das finde ich sehr wertvoll. Wir starten jetzt bei dem System Innovation Lab mit drei Durchläufen. Eigentlich wollten wir im Juli loslegen, aber der Start wird nun in den Herbst verschoben. Und wir überlegen gerade noch: Ein bisschen Präsenz am Anfang wäre ideal, aber viele Startups haben dafür schlicht keine Zeit. Deshalb wird es wahrscheinlich stärker hybrid werden oder ganz online stattfinden. Das müssen wir dann vielleicht auch mit den Interessent:innen abstimmen.  KoSI: Wie wird so ein Durchlauf konkret ablaufen? Mildenberger: Am Anfang geht’s darum, das Systemdenken zu üben – also zu lernen, wie man die eigenen Innovationshemmnisse im größeren Kontext analysiert. Danach entwickeln wir eine Vision: Wie müsste die Welt aussehen, damit meine Innovation funktioniert? Und dann kommt die Strategiearbeit: Wie kommen wir von A nach B? Das passiert teilweise in Gruppen, aber oft auch sehr individuell – weil die Themen der Teilnehmer:innen sehr unterschiedlich sind. Der eine macht vielleicht etwas in der Pflege, der andere im Holzbau oder in der Mobilität. Da hilft kein Standardansatz. Wir werden drei Berater:innensein. Je nach Thema ziehen wir Expertinnen und Experten hinzu – etwa aus dem Gesundheitswesen, aus der Regulierung oder aus der Sozialwirtschaft. Wir rechnen mit kleinen Gruppen – vier, fünf Teams pro Durchlauf.  KoSI: Noch einmal grundsätzlicher gefragt: Wer als Social Entrepreneur systemisch wirken will, muss also auch Aktivist und/oder Lobbyist sein? Mildenberger: Das ist ein guter Punkt. Soziale Innovator:innen brauchen unterschiedliche Kompetenzen – je nachdem, wo sie gerade stehen. Im Donauraum-Projekt arbeiten wir auch mit den Kolleg:innen der Uni Trier zusammen, die genau das untersuchen: Welche Fähigkeiten braucht ein „Policy Entrepreneur“ – also jemand, der nicht - zumindest in erster Linie - Produkte oder Dienstleistungen verkauft, sondern Systeme verändern will? Das ist was anderes als klassisches Unternehmertum. Man muss analytisch sein, politisch denken können, gleichzeitig aber anschlussfähig bleiben. Das ist anspruchsvoll – und nicht jede:r bringt das automatisch mit.  KoSI: Kann man es erlernen? Mildenberger: Es gibt keinen Blueprint. Aber es gibt Methoden, wie man klüger vorgehen kann – und genau die wollen wir im System Innovation Lab vermitteln und einüben. Unser Ziel ist nicht der große Wurf, sondern die Innovation ein Stück weiterzubringen, trotz aller Hürden. Und manchmal entsteht daraus dann doch systemischer Wandel.  KoSI: Kannst Du Beispiele von Policy Entrepreneuren nennen? Mildenberger: Ja, also Norbert Kunz von Social Impact ist auf jeden Fall jemand, den man da nennen muss. Der hat sehr viel bewirkt, und zwar nicht nur auf der Ebene von Geschäftsmodellen, sondern eben auch durch seine politische Arbeit. Andreas Heineken auch. Er ist definitiv in Deutschland einer der Urväter, der das Denken über Menschen mit Behinderung und das Konzept der Integrationsbetriebe stark geprägt hat. Er hat mit seiner Initiative „Dialog im Dunkeln“ nicht nur ein weltweit erfolgreiches Konzept entwickelt, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt geleistet. Das war nicht nur ein praktischer, sondern auch ein gesellschaftlicher Wandel. Denn damit wurde deutlich: Menschen mit Behinderung können etwas. Sie sind nicht nur auf Hilfe angewiesen oder „defizitär“ – sie haben besondere Kompetenzen, sie können einen wertvollen Beitrag leisten. Das ist ein Perspektivwechsel. Und da gibt es mittlerweile eine ganze Reihe an Organisationen, die so arbeiten. Oder nimm „Discovering Hands“, wo blinde Frauen als medizinische Tastuntersucherinnen eingesetzt werden. Und es gibt zum Beispiel ein Callcenter im Raum Heilbronn. Die sagen: „Gut, telefonieren können viele. Aber für manche Menschen ist das eine wertvolle, eine bereichernde Arbeit.“ Der Betreiber dort berichtet, er hat deutlich weniger Fluktuation, die Leute sind zufrieden – auch wenn sie vielleicht ein bisschen öfter krank sind und die Arbeitsplätze etwas mehr kosten. Aber insgesamt lohnt es sich. Das ist wirtschaftlich tragfähig.  KoSI: Aber viele Organisationen, die an Problemen in der Gesellschaft arbeiten, tun sich schwer, eine passende Lobby für sich zu finden. Mildenberger: Klar. Gegenwind kann auch aus den vermeintlich „eigenen Reihen“ kommen. Bleiben wir bei dem Beispiel, wo Sozialunternehmer:innen gesellschaftliche Probleme wie Beschäftigung von Menschen mit Behinderung mit Mitteln des Marktes lösen. Wenn jemand anderes vor fünf Jahren eine große Einrichtung gebaut hat, wo Menschen mit Behinderung wohnen und arbeiten, dann ist der verständlicherweise nicht begeistert, wenn jemand kommt und alles anders machen will. Der sagt dann: „Schöne Idee, aber wir müssen erstmal unsere Investition wieder reinholen.“ Und es ist ja auch in manchen Situationen vielleicht besser, eine spezialisierte Einrichtung zu haben. Da prallen Systeme aufeinander – und auch Interessen – selbst wenn man grundsätzlich für dieselbe Sache kämpft, nämlich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Menschen mit Behinderung.  KoSI: Dann lobbyiert man nicht gemeinsam… Mildenberger: Ja, das sind ganz reale Situationen. Und da muss man sich dann überlegen: Wer könnte mich wirksam unterstützen? Wer könnte ein Problem mit meinem Ansatz haben? Wie kann ich den vielleicht überzeugen – oder wenigstens dazu bringen, mich in Ruhe zu lassen, selbst in den vermeintlich „eigenen Reihen“? Da ist ein wenig wie die Harvard-Schule des Verhandelns. Da geht es ja darum, den anderen nicht als Gegner zu sehen, sondern als jemanden, der auch ein Problem hat. Vielleicht kann ich helfen, sein Problem zu lösen – und wenn ihm geholfen ist, ist mir vielleicht auch geholfen. Das ist systemisches Denken: Nicht gegen die Welt kämpfen, sondern darin agieren, sie verstehen, Ängste nehmen.  KoSI: Also kein Pathos, sondern Realismus? Mildeberger: Ganz genau. Helmut Anheier hat mal ein einem Vortrag darauf hingewiesen. Es gibt überall in der Gesellschaft Routinen und Veränderungen stoßen auf Widerstand. Das ist normal und gilt auch für Soziale Innovationen. Es geht auch nicht darum, alles ständig zu verändern – sondern Veränderungen klug zu gestalten. Soziale Innovationen sind eben auch ganz normale Innovationen – mit all ihren typischen, und nur manchmal auch ein paar zusätzlichen Problemen.

Soziale Innovationen in der Freien Wohlfahrtspflege

April 2025 Innovationspotenziale in der Wohlfahrt heben Am 31. März lud unser KoSI-Mitglied Diakonisches Werk Schleswig-Holstein (DWSH) zu einer inspirierenden Auftaktveranstaltung für seinen Inkubator „Impact Challenge“ ein. Rund 80 Vertreter:innen der DWSH-Mitgliedsorganisationen versammelten sich im IdeenRaum17 des Veranstaltungspartners NGD in Rendsburg. Das Thema: Soziale Innovationen für die Soziale Arbeit und Freie Wohlfahrtspflege angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen. Der Vormittag war unter anderem geprägt von einleitenden Worten durch Kay-Gunnar Rohwer vom DWSH sowie aufschlussreichen Impulsvorträgen der KoSI-Mitglieder Dr. Judith Terstriep vom Institut für Arbeit & Technik der Westfälischen Hochschule und Norbert Kunz von Social Impact. Am Nachmittag nahm Dr. Markus Freiburg von FASE, ebenfalls ein KoSI-Mitglied, an einer lebhaften Paneldiskussion teil. Bernd Hannemann und Dr. Grit Kühne vom DWSH führten durch den Tag, moderierten und diskutierten auf der Bühne. Wichtige Einblicke in die politischen Rahmenbedingungen für Soziale Innovationen lieferten Vertreter der Landesregierung Schleswig-Holstein (Dr. Michael Hempel vom Sozialministerium und Johannes Hartwig vom Wirtschaftsministerium), während Vertreter:innen der DWSH-Mitgliedsorganisationen praxisnahe Inspirationen aus der Wohlfahrtspflege beisteuerten (Adelheid Marcinczyk, DW Husum & Dennis Krabbenhöft, NGD).  Ein Tag voller Innovationsgeist  Die Veranstaltung machte eines klar: Soziale Innovationen werden nicht als Luxus, sondern als dringende Notwendigkeit betrachtet. Denn die Diakonie und grundsätzlich die Freie Wohlfahrt benötigen sie, um flexibel auf die sich beschleunigenden gesellschaftlichen Veränderungen und Krisen reagieren und weiterhin ihrem gesellschaftlichen Auftrag ausreichend nachkommen zu können.  Was unbestritten ist: Das Innovationspotenzial der Diakonie und der Freien Wohlfahrt ist enorm. Durch die langjährige Erfahrung im Umgang mit vielfältigen sozialen Problemen und Chancen in Pflege, Bildung, Integration oder Kinder- und Jugendhilfe herrscht ein einzigartig breites und tiefes Verständnis von gesellschaftlichen Bedürfnissen – das auf einem starken Verantwortungsbewusstsein für gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit fußt. Dies wurde auch in Rendsburg nur allzu deutlich.  Disruptiv oder inkremental?  Im IdeenRaum17 herrschte allerdings eine gewisse Uneinigkeit darüber, ob Soziale Innovationen per Definition nur disruptiv oder auch inkremental sein können. Beide Innovationsformen sind wichtig. Angesichts der enormen sozialen Herausforderungen und Krisen wünscht man sich oft disruptive Veränderungen, die gesamte soziale Landschaft verändern und neue Wege der Unterstützung eröffnen. Doch auch kontinuierliche, inkrementale Innovationen sind wichtig, um die Diakonie, die Freie Wohlfahrt und die Soziale Arbeit zukunftsfähig zu gestalten. Oft sind es gerade diese schrittweisen Verbesserungen z.B. in Betreuungsabläufen, die langfristig zu bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen führen.  Gleichzeitig kam auf dem Symposium immer wieder die Sprache auf das disruptive Innovationspotenzial von Kooperationen zwischen Freier Wohlfahrtspflege und Sozialunternehmen - beides „gemeinwohlorientierte Unternehmen“ nach der Nationalen Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen.  Inspiration vor Ort  Auf dem Symposium in Rendsburg wurden drei innovative Projekte aus Schleswig-Holstein vorgestellt:  Vier Wände - ein Dach, ein innovativer Ansatz zur Prävention von Räumungsklagen und letztendlich Obdachlosigkeit vom DW Husum, ein Bauprojekt, hier wird von der Diakonie Stiftung Schleswig-Holstein Wohnraum für Menschen in besonderen Lebenslagen in Schleswig geschaffen und der IdeenRaum17, ein Innovationslabor der NGD, das bewusst Raum und Unterstützung für Innovationsexperimente für die NGD anbietet und auch externe Kooperationspartner wie Social- bzw. Tech-Start-ups einbindet.  Sucht man generell nach (sozial-)innovativen Ansätzen in der Freien Wohlfahrtspflege, so stößt man u.a. öfters auf  neue digitale Plattformen und Online-Angebote, um Beratung, Unterstützung und Informationen leichter zugänglich zu machen, wie Online-Sprechstunden und digitale Beratungsformate. neue Pflegeansätze, die auf mehr Selbstbestimmung und individuelle Betreuung setzen, etwa durch den Einsatz assistiver Technologien und innovativer Betreuungsmodelle. Projekte im Bereich der nachhaltigen und inklusiven Stadtentwicklung, etwa durch quartiersbezogene Ansätze, die Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.  Solche Innovationen entstehen oft durch Partnerschaften mit anderen Organisationen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, um Ressourcen zu bündeln und ganzheitliche Unterstützungsangebote zu schaffen. Die Freie Wohlfahrt beteiligt sich auch an Forschungsprojekten, um neue Konzepte zu testen, beispielsweise im Bereich der ambulanten Pflege oder der Unterstützung für Menschen mit Fluchterfahrung. Zudem führen die bewusste Mitbestimmung und Partizipation der Klient:innen dazu, dass Angebote stärker an deren Bedürfnissen ausgerichtet werden, wie partizipative Entwicklungsprozesse bei verschiedenen Projekten zeigen.  Herausforderungen und Hürden  Trotz des enormen Potenzials für Soziale Innovationen gibt es in der Freien Wohlfahrt und Diakonie Innovationshemmnisse, die in Rendsburg angesprochen wurden. Diese lassen sich oft, aber nicht nur auf die politischen Rahmenbedingungen auf Bundes- und Landesebene zurückführen.  Die Politik unterschätzt grundsätzlich die Freie Wohlfahrt als Wirtschaftsfaktor und spezifisch ihr Innovationspotenzial. So sind die Diakonie und der Caritas-Verband, die beiden großen Wohlfahrtsverbände der evangelischen und katholischen Kirche, die größten Arbeitgeber in Deutschland nach dem öffentlichen Dienst. Und wenn es um Soziale Innovationen geht, ist der Blick immer noch zu einseitig auf Sozialunternehmen. Komplexe Verwaltungs- und Meldepflichten in der Freien Wohlfahrt lassen zudem die zeitlichen Freiräume für Innovation oft auf ein Minimum schrumpfen. Förderungs- und Finanzierungsmöglichkeiten für Innovationsentwicklung sind ebenfalls kaum vorhanden, insbesondere wenn längere Zeiträume und Risikofreudigkeit erforderlich sind. Denn speziell disruptive Soziale Innovationen brauchen das Experimentieren und die Möglichkeit des Scheiterns. Grundsätzlich lässt die alles dominierende Regelfinanzierung, also die Finanzierung von sozialen Einrichtungen oder Trägern durch gesetzlich festgelegte Summe für bestimmte Leistungen, keinen wirklichen Raum für Innovationen. Die Gewinnung und Bindung qualifizierter Fachkräfte ist eine weitere Herausforderung, besonders in Zeiten des Fachkräftemangels im sozialen Bereich. Ein niedriger Personalstand erlaubt keine ausreichenden zeitlichen Freiräume für Innovation. Auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen und Akteuren, insbesondere solchen, die nicht aus der Freien Wohlfahrt kommen, kann herausfordernd sein. Unterschiedliche Strukturen, Zielsetzungen und Arbeitsweisen erschweren oft eine effiziente Kooperation und den Austausch von Wissen und Ressourcen.  Der Blick nach vorn  Doch es geschieht bereits viel Innovatives in der Freien Wohlfahrt – die Impact Challenge des DWSH ist hier exemplarisch zu nennen. Eine gründliche Bestandsaufnahme innerhalb der gesamten Diakonie bzw. über die gesamte Freie Wohlfahrtspflege hinweg könnte diese Fortschritte sichtbarer machen und das veraltete Image der Wohlfahrt überwinden helfen.  In Rendsburg wurden zudem weitere konkrete Ideen zur besseren Hebung des Innovationspotenziales bzw. für den Abbau von Innovationshemmnissen genannt, die einer genaueren Betrachtung und Ausarbeitung bedürfen: wie ein „Innovationsbonus“ innerhalb der Regelfinanzierung und/oder ein „Social Innovation Fonds“, gespeist durch nachrichtenlose Vermögen; zudem Ansätze zur kooperationsbasierte Innovationsentwicklung mit Wissenschaft und Wirtschaft sowie praxisnahe und managebare Ansätzen zur Wirkungsmessung.  Der Wunsch nach Fortsetzung und Vertiefung der Diskussionen war auf jeden Fall bei allen Beteiligten in Rendsburg deutlich spürbar. Die nächste Gelegenheit im Rahmen der Impact Challenge des DWSH ergibt sich bereits am 27.6. beim Pitch-Event/ Symposium, erneut in Rendsburg.

Erfolgreicher ESIA Impact Hackathon im April 2025

April 2025 Von der Idee zur Realität Am 17. April endete der ESIA Impact Hackathon, ein zweiwöchiges virtuelles Programm für Social Start-Ups aus Estland, Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg. Als Mitglied in ESIA (The European Social Innovation Alliance) hat KoSI seinen Partner Social Enterprise Estonia aktiv bei der Durchführung des Projektes unterstützt.  Der Hackathon bot Expert:innen-Workshops, individuelles Mentoring, regelmäßige Feedbackrunden und eine abschließende Pitching-Session. Ziel war es, die teilnehmenden Social Start-Ups von einer groben Idee zu einem Geschäftsmodell zu führen, das für eine Pilotierung oder eine frühe Validierung bereit ist.  18 Teams aus Estland, Deutschland und den Niederlanden nahmen teil. Sie lernten, Geschäftspläne zu entwickeln, Märkte zu analysieren, Prototypen zu erstellen, Marketingstrategien zu entwerfen, Vertriebskonzepte zu planen und überzeugend zu präsentieren. Jeder Gruppe stand ein:e Mentor:in zur Seite. Die Mentor:innen brachten Fachwissen aus Wissenschaft, Sozialunternehmertum, Corporate Social Responsibility und Jugendförderung ein, um die Teams gezielt zu unterstützen.  Die Teilnehmer:innen betonten im Rahmen eines Feedbackprozesses, dass der Hackathon ihnen geholfen hat zu verstehen, wie man ein Projekt von einer Idee zu einem skalierbaren Unternehmen macht. Die nächsten Schritte für viele Teams sind nun die Entwicklung eines ersten Produkts oder einer Dienstleistung, um Kundenfeedback einzuholen und letztendlich den Markteintritt vorzubereiten.  Der Gewinner des Hackathons war Twily aus Deutschland. Die Idee ist eine Wellness-App zur Unterstützung von stillenden Mütter, die Milchpumpen verwenden. Ihnen soll geholfen werden, Stress abzubauen, das hormonelle Gleichgewicht zu stabilisieren und den Schlaf durch geführte Entspannungsübungen zu verbessern.  Der ESIA Impact Hackathon kehrt im Frühjahr 2026 zurück. Interessierte können sich bei Kerly Piirsalu von Social Enterprise Estonia melden: kerly@sev.ee.  Der ESIA Impact Hackathon 2025 wurde von der Europäischen Union im Rahmen der ESF+ Initiative für soziale Innovation+ kofinanziert.