Interview mit Dr. Georg Mildenberger vom Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen

Juni 2025

„Soziale Innovation trifft auf Systeme, die sich nicht ändern wollen“

Viele Soziale Innovationen scheitern nicht an ihrer Qualität – sondern an starren Systemen. Unser KoSI-Mitglied Dr. Georg Mildenberger vom CSI Heidelberg erklärt im Interview, wie der Accelerator „System Innovation Lab“ soziale Initiativen dabei unterstützt, systemische Barrieren zu erkennen und gezielt zu überwinden. 

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KoSI: Dr. Mildenberger, viele Initiativen im Bereich der Sozialen Innovationen schaffen es nicht, sich zu verstetigen, zu skalieren und systemisch zu wirken. Sie bleiben klein, lokal – oder verschwinden wieder. Woran liegt das?

Mildenberger: Das ist zum Teil ein ganz normales Innovationsphänomen, das wir auch aus der technischen Innovation kennen. Im 19. Jahrhundert gab es alle zwei Wochen eine bahnbrechende, technische Neuerung – und acht Wochen später war sie wieder verschwunden, weil sich herausstellte: braucht keiner, funktioniert nicht richtig oder es gibt etwas Besseres. Dass sich viele Innovationen nicht durchsetzen, ist eigentlich der Normalfall.



KoSI: Aber das erklärt noch nicht, warum manch gute Ideen nicht durchkommen, obwohl sie funktionieren, oder?

Mildenberger: Richtig. Die Innovationsforschung hat immer wieder gezeigt, dass es eben nicht automatisch die besten Ideen sind, die sich durchsetzen. Es gibt Phänomene wie Pfadabhängigkeiten oder Lock-ins – also Situationen, in denen sich eine Lösung erst mal durchgesetzt hat, ein System drumherum aufgebaut wurde und danach Alternativen kaum noch eine Chance haben. Technisch gesehen sieht man das gut am Auto: Um 1900 war das Elektroauto bereits einem Benziner überlegen. Trotzdem setzte sich der Verbrenner durch – aus verschiedenen Gründen. Und dann entwickelte sich eine ganze Infrastruktur, ganz auf Verbrennerautos ausgerichtet. Und jetzt tun sich E-Autos heute wieder schwer, unter anderem wegen der Infrastrukturthematik.



KoSI: Und bei Sozialen Innovationen ist das ähnlich?

Mildenberger: Genau. Eine soziale Innovation will oft etwas grundsätzlich anders machen. Aber sie kommt eben nicht in ein Vakuum, sondern trifft auf bestehende Routinen, Institutionen, Regelwerke, Finanzierungsstrukturen. Und die warten nicht darauf, verändert zu werden. Im Gegenteil: Die wollen oft gar nicht gestört werden. Nicht aus Bosheit – sondern weil Veränderung anstrengend ist. Sie ist aufwendig, sie ist unbequem und natürlich auch riskant. Und solange der Druck etwas zu ändern nicht groß genug ist, bleibt man lieber beim Bewährten.



KoSI: Und da setzt der Accelerator „System Innovation Lab“ an?

Mildenberger: Ja. Die Grundidee ist: Wir helfen Initiativen und Startups, ihre Umgebung besser zu verstehen. Also: In welcher Welt würde eure Innovation richtig gut funktionieren? Und wie sieht die Realität tatsächlich aus? Daraus ergibt sich dann die Frage: Wie kann ich das System gezielt so beeinflussen, dass meine Idee eine Chance hat? Welche Regel muss ich ändern, welche Partner brauche ich, welche Sprache spricht die Zielgruppe – im Zweifel auch die Regulierungsbehörde?



KoSI: Das heißt, es geht nicht darum, die Innovation selbst zu verändern – sondern das System beziehungsweise den Blick auf das System?

Mildenberger: Richtig. Normalerweise passt man ein Produkt an den Markt an: Weniger Knoblauch in der Wurst, weil die Kunden es so lieber mögen. Aber manchmal ist der Knoblauch wichtig – und die Leute wissen es bloß noch nicht. Dann muss man überlegen, wie man die Umgebung so verändert, dass der Knoblauch akzeptiert wird. Das ist genau unser Ansatz beim System Innovation Lab.



KoSI: Gibt es Vorbilder für das System Innovation Lab?

Mildenberger: Ja, etwa das DRIFT-Institut in Rotterdam arbeitet mit der sogenannten Multi-Level-Perspective – also dem Zusammenspiel von Nischen, Regimen und der gesellschaftlichen Landschaft. Die fragen: Wie kommt eine Idee aus der Nische in den Mainstream? Und wie kommt es dann zur gesellschaftlichen Veränderung. Wir arbeiten auch mit dieser Theorie – und haben in früheren Projekten, zum Beispiel mit dem Wuppertal Institut, ähnliche Programme getestet. Jetzt übertragen wir das auf neue Kontexte, etwa im Donauraum, von der EU gefördert . Da fanden in den letzten Monaten drei System Innovation Labs statt, in Moldawien, Serbien und Ungarn.



KoSI: Und wie gut hat das funktioniert?

Mildenberger: Erstaunlich gut. Vor allem, weil manche Akteure dort oft näher an Politik und Verwaltung dran sind. In Moldawien zum Beispiel haben sich durch das Lab Organisationen auf allen Ebenen zusammengerauft, weil sie verstanden haben, dass sie sich vorher gegenseitig blockiert haben – ohne es zu merken. Da hat das Lab als Katalysator funktioniert.



KoSI: In Deutschland gibt es das System Innovation Lab jetzt zum ersten Mal?

Mildenberger: Es ist nicht das allererste Mal – aber in dieser Konstellation und Zielgruppe ist es neu. Förderung hierfür haben wir – gemeinsam mit dem ImpactHub Stuttgart und dem Lehrstuhl Organisationspädagogik der Universität Trier – durch Nachhaltig.Wirken vom Bundeswirtschaftsministerium erhalten, was uns sehr gefreut hat. Nachhaltig.Wirken bringt das Thema Wirkung in ganz neue Kontexte. Nicht nur bei Start-ups, sondern auch in klassischen Organisationen. Das finde ich sehr wertvoll. Wir starten jetzt bei dem System Innovation Lab mit drei Durchläufen. Eigentlich wollten wir im Juli loslegen, aber der Start wird nun in den Herbst verschoben. Und wir überlegen gerade noch: Ein bisschen Präsenz am Anfang wäre ideal, aber viele Startups haben dafür schlicht keine Zeit. Deshalb wird es wahrscheinlich stärker hybrid werden oder ganz online stattfinden. Das müssen wir dann vielleicht auch mit den Interessent:innen abstimmen.



KoSI: Wie wird so ein Durchlauf konkret ablaufen?

Mildenberger: Am Anfang geht’s darum, das Systemdenken zu üben – also zu lernen, wie man die eigenen Innovationshemmnisse im größeren Kontext analysiert. Danach entwickeln wir eine Vision: Wie müsste die Welt aussehen, damit meine Innovation funktioniert? Und dann kommt die Strategiearbeit: Wie kommen wir von A nach B? Das passiert teilweise in Gruppen, aber oft auch sehr individuell – weil die Themen der Teilnehmer:innen sehr unterschiedlich sind. Der eine macht vielleicht etwas in der Pflege, der andere im Holzbau oder in der Mobilität. Da hilft kein Standardansatz. Wir werden drei Berater:innensein. Je nach Thema ziehen wir Expertinnen und Experten hinzu – etwa aus dem Gesundheitswesen, aus der Regulierung oder aus der Sozialwirtschaft. Wir rechnen mit kleinen Gruppen – vier, fünf Teams pro Durchlauf.



KoSI: Noch einmal grundsätzlicher gefragt: Wer als Social Entrepreneur systemisch wirken will, muss also auch Aktivist und/oder Lobbyist sein?

Mildenberger: Das ist ein guter Punkt. Soziale Innovator:innen brauchen unterschiedliche Kompetenzen – je nachdem, wo sie gerade stehen. Im Donauraum-Projekt arbeiten wir auch mit den Kolleg:innen der Uni Trier zusammen, die genau das untersuchen: Welche Fähigkeiten braucht ein „Policy Entrepreneur“ – also jemand, der nicht - zumindest in erster Linie - Produkte oder Dienstleistungen verkauft, sondern Systeme verändern will? Das ist was anderes als klassisches Unternehmertum. Man muss analytisch sein, politisch denken können, gleichzeitig aber anschlussfähig bleiben. Das ist anspruchsvoll – und nicht jede:r bringt das automatisch mit.



KoSI: Kann man es erlernen?

Mildenberger: Es gibt keinen Blueprint. Aber es gibt Methoden, wie man klüger vorgehen kann – und genau die wollen wir im System Innovation Lab vermitteln und einüben. Unser Ziel ist nicht der große Wurf, sondern die Innovation ein Stück weiterzubringen, trotz aller Hürden. Und manchmal entsteht daraus dann doch systemischer Wandel.



KoSI: Kannst Du Beispiele von Policy Entrepreneuren nennen?

Mildenberger: Ja, also Norbert Kunz von Social Impact ist auf jeden Fall jemand, den man da nennen muss. Der hat sehr viel bewirkt, und zwar nicht nur auf der Ebene von Geschäftsmodellen, sondern eben auch durch seine politische Arbeit. Andreas Heineken auch. Er ist definitiv in Deutschland einer der Urväter, der das Denken über Menschen mit Behinderung und das Konzept der Integrationsbetriebe stark geprägt hat. Er hat mit seiner Initiative „Dialog im Dunkeln“ nicht nur ein weltweit erfolgreiches Konzept entwickelt, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zur Integration von Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt geleistet. Das war nicht nur ein praktischer, sondern auch ein gesellschaftlicher Wandel. Denn damit wurde deutlich: Menschen mit Behinderung können etwas. Sie sind nicht nur auf Hilfe angewiesen oder „defizitär“ – sie haben besondere Kompetenzen, sie können einen wertvollen Beitrag leisten. Das ist ein Perspektivwechsel. Und da gibt es mittlerweile eine ganze Reihe an Organisationen, die so arbeiten. Oder nimm „Discovering Hands“, wo blinde Frauen als medizinische Tastuntersucherinnen eingesetzt werden. Und es gibt zum Beispiel ein Callcenter im Raum Heilbronn. Die sagen: „Gut, telefonieren können viele. Aber für manche Menschen ist das eine wertvolle, eine bereichernde Arbeit.“ Der Betreiber dort berichtet, er hat deutlich weniger Fluktuation, die Leute sind zufrieden – auch wenn sie vielleicht ein bisschen öfter krank sind und die Arbeitsplätze etwas mehr kosten. Aber insgesamt lohnt es sich. Das ist wirtschaftlich tragfähig.



KoSI: Aber viele Organisationen, die an Problemen in der Gesellschaft arbeiten, tun sich schwer, eine passende Lobby für sich zu finden.

Mildenberger: Klar. Gegenwind kann auch aus den vermeintlich „eigenen Reihen“ kommen. Bleiben wir bei dem Beispiel, wo Sozialunternehmer:innen gesellschaftliche Probleme wie Beschäftigung von Menschen mit Behinderung mit Mitteln des Marktes lösen. Wenn jemand anderes vor fünf Jahren eine große Einrichtung gebaut hat, wo Menschen mit Behinderung wohnen und arbeiten, dann ist der verständlicherweise nicht begeistert, wenn jemand kommt und alles anders machen will. Der sagt dann: „Schöne Idee, aber wir müssen erstmal unsere Investition wieder reinholen.“ Und es ist ja auch in manchen Situationen vielleicht besser, eine spezialisierte Einrichtung zu haben. Da prallen Systeme aufeinander – und auch Interessen – selbst wenn man grundsätzlich für dieselbe Sache kämpft, nämlich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Menschen mit Behinderung.



KoSI: Dann lobbyiert man nicht gemeinsam…

Mildenberger: Ja, das sind ganz reale Situationen. Und da muss man sich dann überlegen: Wer könnte mich wirksam unterstützen? Wer könnte ein Problem mit meinem Ansatz haben? Wie kann ich den vielleicht überzeugen – oder wenigstens dazu bringen, mich in Ruhe zu lassen, selbst in den vermeintlich „eigenen Reihen“? Da ist ein wenig wie die Harvard-Schule des Verhandelns. Da geht es ja darum, den anderen nicht als Gegner zu sehen, sondern als jemanden, der auch ein Problem hat. Vielleicht kann ich helfen, sein Problem zu lösen – und wenn ihm geholfen ist, ist mir vielleicht auch geholfen. Das ist systemisches Denken: Nicht gegen die Welt kämpfen, sondern darin agieren, sie verstehen, Ängste nehmen.



KoSI: Also kein Pathos, sondern Realismus?

Mildeberger: Ganz genau. Helmut Anheier hat mal ein einem Vortrag darauf hingewiesen. Es gibt überall in der Gesellschaft Routinen und Veränderungen stoßen auf Widerstand. Das ist normal und gilt auch für Soziale Innovationen. Es geht auch nicht darum, alles ständig zu verändern – sondern Veränderungen klug zu gestalten. Soziale Innovationen sind eben auch ganz normale Innovationen – mit all ihren typischen, und nur manchmal auch ein paar zusätzlichen Problemen.



Mehr Informationen

Über Dr. Georg Mildenberger

Dr. Georg Mildenberger leitet das Centrum für Soziale Investitionen und Innovationen, eine Forschungsstelle des Max-Weber-Instituts für Soziologie. Er hat einen Hintergrund in der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung und ist seit 2007 am CSI. Dort beschäftigt er sich mit der Sozialwirtschaft, Social Entrepreneurships, Wirkungsmessung und Sozialen Innovationen in einer Vielzahl von nationalen und internationalen Kooperationsprojekten.

Über Impact First und das System Innovation Lab - Jetzt bewerben!https://impact-first.io/

Impact First wird vom ImpactHub Stuttgart mit dem CSI der Universität Heidelberg und dem Lehrstuhl Organisationspädagogik der Universität Trier entwickelt, durchgeführt und evaluiert. Die Teilnahme ist kostenlos, dank einer Förderung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und ist auf gemeinwohlorientierte Unternehmen ausgerichtet. Impact First hat zwei Angebote:



Impact First Accelerator: Im Rahmen des 6-wöchigen Impact First Accelerator-Programms soll mit der Unterstützung führender Experten die Wirkungsmessung als strategisches Instrument zur Unternehmenssteuerung verankert werden. Die nächste Runde des 6-wöchigen Programm beginnt im September 2025. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Bewerbung ist für Impact Unternehmen bis zum 01. September 2025 möglich.



System Innovation Lab als Advanced Accelerator: Im Rahmen des System Innovation Lab sollen die Teilnehmer:innen befähigt werden, ihre strategischen Optionen besser zu verstehen und Verbündete und Ressourcen zu identifizieren, die sie benötigen, um “ihr" Ökosystem wirkungsvoll zu beeinflussen.

Das System Innovation Lab umfasst drei intensive Einheiten an insgesamt sechs Terminen. Nach einer Einführung in systemisches Denken und den Umgang mit Komplexität widmen wir uns den spezifischen Vorhaben der Teilnehmenden. Das Team des System Innovation Lab unterstützt sie dabei, eine genaue Analyse ihres Wirkungsfeldes vorzunehmen. Bei Bedarf werden externe Expert:innen dazugeholt. Abschließend entwickeln die Teilnehmer:innen eine Strategie, wie, mit wem und mit welchen Mitteln sie ihr Wirkungsfeld besser bedienen können. Das Programm sollte eigentlich Anfang Juli beginnen, der Start wird jedoch verschoben. Die Teilnahme ist kostenlos. Bewerbungen werden aktuell entgegengenommen, die ursprünliche Bewerbungsfrist 07. Mai ist nicht mehr gültig