Interview mit Norbert Kunz von der Social Impact gGmbH

Juli 2025

Train-the-Trainer: Europäische Standards für die Gründungsberatung von sozialen Startups etablieren

Im Rahmen der European Social Innovation Alliance (ESIA) entwickelt das Kompetenzzentrum Soziale Innovation (KoSI) gemeinsam mit Partnerorganisationen aus Luxemburg, den Niederlanden und Estland ein europaweites Qualifizierungsprogramm für Berater:innen sozialer Startups.

Das Projekt startete im Juni 2025 mit einem Kick-off in Frankfurt am Main. Die Leitung hat Norbert Kunz, Geschäftsführer der Social Impact gGmbH. Im Interview erklärt er, warum dieses Vorhaben jetzt besonders wichtig ist – und wie es umgesetzt werden soll.








KoSI: Herr Kunz, warum hat sich ESIA die Entwicklung eines europäischen Konzepts für die Beratung sozialer Startups vorgenommen?

Kunz: Das Vorhaben ist aus mehreren Gründen hoch relevant. Einerseits stehen wir in Europa vor wachsenden sozialen Herausforderungen, die vor keiner Grenze haltmachen: Armut, Ungleichheit, Migration, Fachkräftemangel und demografischer Wandel verlangen nach neuen Lösungen. Soziale Startups bieten hier innovative, lokal verankerte und wirkungsorientierte Ansätze. Andererseits fehlt es grundsätzlich an geeigneter Unterstützung, um diese Gründungen erfolgreich zu machen und ihre sozialinnovativen Ideen zu skalieren. So mangelt es derzeit eigentlich in allen europäischen Ländern insbesondere auch an qualifizierter Gründungsberatung im sozialen Bereich. Deswegen brauchen wir hier dringend systematisch geschulte Gründungsberater:innen. Ein gemeinsames, europäisch abgestimmtes Curriculum, wie wir es jetzt entwickeln wollen, kann hier einen Qualitätsstandard schaffen.



KoSI: Aber gibt es nicht teils sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen in den europäischen Ländern, die so einem Vorhaben entgegenlaufen?

Kunz: Die unterschiedlichen nationalen Systeme in der sozialen Ökonomie erschweren sicherlich einen Erfahrungstransfer. Aber mit unserem Vorhaben können wir definitiv Benchmarks setzen, Best Practices bündeln und zur Professionalisierung der gesamten europäischen Beratungslandschaft beitragen. Es kann ein strategischer Hebel sein, um die Wirkung und Zahl sozialer Gründungen in Europa zu erhöhen. Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass die EU aktuell selbst starke Impulse für Soziale Innovation durch Programme wie den Europäischen Sozialfonds Plus, den Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds oder den EU-Aktionsplan zur Sozialwirtschaft setzt. Hier wird die Bedeutung von Social Enterprises betont. Ein qualifiziertes Beratungsumfeld in der EU ist dafür allerdings essenziell.



KoSI: Wie ist denn konkret die Situation in Deutschland und anderen EU-Ländern?

Kunz: Die Unterstützungslandschaft ist hierzulande stark fragmentiert. Es gibt Angebote, z. B. von uns als Social Impact, von SEND e. V., Ashoka und der Social Entrepreneurship Akademie. Aber es finden sich insgesamt kaum systematisierte, standardisierte Train-the-Trainer-Programme für soziale Startups, also Schulungen für die Gründungsberater:innen. Die Beratungskompetenz hängt so in der Praxis noch oft von individueller Erfahrung ab. Zudem verfügen klassische Gründungs- und Unternehmensberater:innen kaum über spezifisches Know-how zur sozialen Gründung. Ein europäisch abgestimmtes Curriculum hierzu kann die Lücke zwischen Sozialwirtschaft und Gründungsberatung schließen. Und gerade in strukturschwachen Regionen – zum Beispiel in Ostdeutschland – sehen wir enormes Potenzial. Hier können gezielt geschulte lokale Akteur:innen Soziale Innovation als Impuls für regionale Entwicklung stärken. Wir als Social Impact schulen entsprechend gerade in Brandenburg.

In Ländern wie Italien, Frankreich oder Spanien gibt es starke Traditionen in der Sozialwirtschaft – oft mit genossenschaftlichen oder kooperativen Strukturen. Auch Weiterbildungsangebote existieren dort teilweise, doch häufig fehlt der Bezug zu neuen, wirkungsorientierten Formen sozialer Startups. Zudem mangelt es an europäischer Vergleichbarkeit. Das gilt auch für die anderen ESIA-Länder. In osteuropäischen Ländern wie Polen oder Rumänien ist das Thema noch weniger etabliert. Förderstrukturen für Soziale Innovation befinden sich grundsätzlich im Aufbau, und Beratungsangebote sind wenig professionalisiert. Man sieht: Hier könnte unser transnationales Konzept entscheidend dazu beitragen, Wissenstransfer zu ermöglichen und langfristig Kapazitäten aufzubauen.



KoSI: Welche besonderen Kompetenzen brauchen Berater:innen für Social Startups denn – und warum reicht klassische Gründungsberatung hier nicht aus?

Kunz: Die Beratung von Social Startups stellt besondere Anforderungen, die weit über die klassische Startup-Beratung hinausgehen. Während bei herkömmlichen Gründungen vor allem wirtschaftliche Kriterien wie Marktanalyse, Skalierungspotenzial, Finanzierung und Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund stehen, verfolgen soziale Startups einen doppelten Zweck: Sie streben sowohl unternehmerischen Erfolg als auch eine messbare gesellschaftliche Wirkung an. Genau in diesem Spannungsfeld ergeben sich neue Anforderungen an die Beratung – und damit auch an die Kompetenzen der Berater:innen.

Zentral ist zunächst ein tiefes Verständnis für soziale Wirkungsziele. Berater:innen müssen in der Lage sein, mit Gründer:innen gemeinsam ein soziales Problem zu analysieren, Zielgruppenbedarfe zu erkennen und darauf aufbauend ein wirkungsorientiertes Geschäftsmodell zu entwickeln. Dies erfordert Kenntnisse in Theory of Change, Wirkungslogiken und in der Wirkungsmessung – Instrumente, die in der klassischen Startup-Beratung kaum Anwendung finden.

Darüber hinaus müssen Berater:innen ein gutes Gespür für die Balance zwischen Wirkung und Wirtschaftlichkeit mitbringen. Soziale Startups agieren oft in komplexen, durch Gesetzgebung, Richtlinien und Förderstrukturen geregelten Märkten, müssen aber dennoch wirtschaftlich tragfähig sein. Das bedeutet: Klassische Tools wie Businessplan, Finanzierungsstrategie oder Lean Startup müssen um neue Perspektiven ergänzt werden wie das Social Business Canvas, hybride Finanzierungsmodelle oder soziale Investitionsformen, zum Beispiel Social Impact Bonds, Wirkungsfonds und Crowdfunding mit Community-Ansatz.

Ein weiteres zentrales Kompetenzfeld ist die Kenntnis sozialer und gemeinwohlorientierter Rechtsformen und Förderstrukturenwie für Deutschland die gGmbH oder eingetragene Genossenschaften und Stiftungen –, ebenso wie ein Überblick über spezifische nationale und europäische Förderinstrumente für Soziale Innovationen. Diese sind für viele soziale Startups und Social Entrepreneurs entscheidend, werden jedoch in klassischen Gründungsberatungen selten thematisiert.

Hinzu kommen methodisch-didaktische Kompetenzen, um Gründer:innen mit oft sehr diversen Hintergründen – etwa aus der Sozialarbeit, der Bildung, der Geflüchtetenhilfe oder dem Ehrenamt – auf Augenhöhe und ressourcenorientiert zu begleiten. Beratung in diesem Feld bedeutet häufig auch Empowerment und Community-Building, nicht nur Business Development.

Nicht zuletzt spielt auch der Umgang mit komplexen Stakeholder-Strukturen eine Rolle. Soziale Startups arbeiten oft an Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft, öffentlicher Hand und Wirtschaft. Die Vermittlung der Fähigkeit, in diesen Umfeldern zu navigieren, Kooperationen zu initiieren und unterschiedliche Erwartungen auszubalancieren, ist für Berater:innen essenziell.

Und klar: Soziale Gründungen entstehen heute oft in einem digitalen, hybriden, dezentralen Kontext. Das bringt zusätzliche Herausforderungen und Anforderungen an die Beratung. Stichwort Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Soziale Startups tragen auch hier eine doppelte Verantwortung – für Innovation und für das Gemeinwohl. Deshalb sollten sie KI nicht bloß als technisches Tool, sondern als gestaltbares soziales Instrument begreifen. Der Fokus sollte nicht auf maximaler Effizienz, sondern auf Fairness, Wirkung und Menschlichkeit liegen.

Kurzum: Klassische Startup-Beratung reicht für soziale Gründungen häufig nicht aus, weil sie auf ein eindimensionales Verständnis von Erfolg ausgerichtet ist. Die Beratung sozialer Startups erfordert hingegen eine interdisziplinäre, wirkungsorientierte, empathische und systemische Herangehensweise – und dafür braucht es spezifische Kompetenzen, die in dem von uns noch zu entwickelnden Curriculum gezielt vermittelt werden sollen.



KoSI: Wie gehen Sie methodisch bei der Entwicklung des Trainingskonzepts vor?

Kunz: Die Methodik zur Konzeptentwicklung basiert auf einem Co-Creation-Ansatz mit den Partnerorganisationen aus Estland, den Niederlanden und Luxemburg. Ausgangspunkt ist eine gemeinsame Bedarfsanalyse, in der bestehende Trainingsangebote, rechtliche Rahmenbedingungen, Zielgruppenprofile und institutionelle Förderlandschaften verglichen werden. Diese Vielfalt wird nicht als Hindernis, sondern als Ressource verstanden. Auf dieser Grundlage wird dann ein modular aufgebautes Trainingskonzept entstehen, das sowohl europaweit einsetzbare Kernmodule - beispielsweise zu Wirkungsmessung, Geschäftsmodellentwicklung und Social Finance - als auch kontextspezifische Bausteine umfasst, gerade zu nationalen Förderprogrammen und rechtlichen Besonderheiten.



KoSI: Wird es auch dann Tests in der Praxis geben?

Kunz: Ja. In Pilottrainings und Testphasen – sowohl online als auch in Präsenz – wird das Curriculum erprobt, angepasst und iterativ weiterentwickelt. Ein begleitendes Trainer:innenhandbuch soll Umsetzungshinweise, Methodenempfehlungen und nationale Adaptionshilfen enthalten. So sollen die Teilnehmer:innen von Trainings in die Lage versetzt werden, soziale Startups nicht nur lokal, sondern auch mit Blick auf europäische Ressourcen kompetent zu beraten.

Wichtig auch: Das Konzept soll so angelegt werden, dass es soziale Startups nicht nur in ihrer Gründung, sondern auch bei ihrer weiteren Skalierung unterstützt. Themen wie Wirkungstransfer, Replikationsmodelle und europäische Netzwerke werden integraler Bestandteil des Curriculums sein. Alle Trainingsmaterialen sollen dann öffentlich zugänglich sein. Ziel ist zudem der Aufbau einer Community of Practice”, in der qualifizierte Berater:innen über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten, voneinander lernen und gemeinsam zur Stärkung des sozialen Unternehmertums in Europa beitragen. Das alles wollen wir bis Anfang 2027 realisiert haben. Hierbei legen wir den Fokus zunächst auf unsere ESIA-Länder. Eine grenzüberschreitende Anschlussfähigkeit von Beratung ist insbesondere für sozialunternehmerische Ansätze mit skalierbarem oder replizierbarem Potenzial von zentraler Bedeutung und liegt insbesondere bei den ESIA-Nachbarländern Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg nahe. Aber wir denken schon jetzt weiter.



KoSI: Welche langfristige Wirkunge erhoffen Sie sich denn durch das Vorhaben?

Kunz: Wie schon gesagt: Wir wollen einen strukturellen Beitrag zur Professionalisierung und Vernetzung der Beratungspraxis für soziale Startups in Europa zu leisten. Es geht uns nicht nur um die Vermittlung von Fachwissen, sondern um die Etablierung gemeinsamer Standards, eines geteilten Verständnisses von sozialem Unternehmertum und um die Entstehung einer europaweiten Berater:innen-Community - über unsere vier ESIA-Länder hinaus. Für die Berater:innen soll das Vorhaben neue Perspektiven der Professionalisierung und Positionierung ermöglichen. Sie erwerben nicht nur spezialisierte Kompetenzen im Bereich Social Entrepreneurship, sondern werden Teil eines europäischen Netzwerks, das Austausch, Weiterentwicklung und gegenseitige Unterstützung ermöglicht. Dies stärkt die Qualität und Reichweite ihrer Arbeit und kann dazu beitragen, die Sichtbarkeit und Anerkennung der Beratungsleistung in diesem Bereich zu erhöhen – auch gegenüber politischen und institutionellen Akteuren.

Wir wollen hier insgesamt wirklich ein Signal senden für die Notwendigkeit eines systemischen Unterstützungsrahmens für soziale Gründungen – jenseits punktueller Förderprojekte. Ultimativ sehen wir einen Beitrag für die stärkere Verankerung von Social Entrepreneurship in der europäischen Förder- und Wirtschaftspolitik.



KoSI: Und was kann Social Impact, Ihre eigene Organisation, hieraus mitnehmen?

Kunz: Social Impact selbst kann von diesem Prozess auf mehreren Ebenen profitieren. Als Pionierorganisation in der Unterstützung von sozialen Startups bringt Social Impact langjährige Erfahrung in der praxisnahen Gründungsberatung und in der Entwicklung von Qualifizierungsformaten ein. Durch die transnationale Zusammenarbeit kann dieses Wissen weiterentwickelt, reflektiert und in neue Kontexte überführt werden. Der Zugang zu europäischen Partnerorganisationen, Märkten und Innovationsansätzen erweitert die eigene methodische und strategische Perspektive. Zudem bietet das Projekt die Chance, die eigene Wirkung über nationale Grenzen hinaus zu verstärken und als Impulsgeber für einen professionellen Beratungsstandard im sozialen Unternehmertum europaweit sichtbar zu werden.

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Über Norbert Kunz

Norbert Kunz ist einer der bekanntesten Sozialunternehmer Deutschlands und Gründer der Social Impact gGmbH. Bereits 1994 gründete er die Vorgängerorganisation iq consult mit dem Ziel, benachteiligte und arbeitslose Menschen durch Qualifizierung und Gründungsförderung zu unterstützen. Besonders prägend ist sein Engagement für Soziale Innovationen und der Aufbau nachhaltiger Strukturen zur Förderung sozialer Startups.

Im Jahr 1999 entwickelte Kunz das Gründungsprogramm „Enterprise“, das sich an erfolgreichen britischen Vorbildern wie dem Prince’s Trust orientierte. Dieses Programm half zahlreichen jungen Menschen, ihre eigene berufliche Zukunft zu gestalten, und wurde mehrfach von EU-Institutionen als Best-Practice-Modell ausgezeichnet. 2011 gründete Kunz das erste Social Impact Lab in Berlin – eine Art Inkubator für Social Startups, das sich später zu einem bundesweiten Netzwerk von Gründungszentren entwickelte. 2013 wurde aus iq consult schließlich die gemeinnützige Social Impact gGmbH, deren Geschäftsführer Kunz bis heute ist.

Norbert Kunz hat im Laufe seiner Karriere über 3.000 Gründungsprojekte begleitet – darunter mehrere hundert sozialunternehmerische Initiativen mit überdurchschnittlich hoher Erfolgsquote. Zu den bekanntesten Projekten, die durch Social Impact gefördert wurden, gehören etwa Auticon (ein IT-Unternehmen, das gezielt Menschen im Autismus-Spektrum beschäftigt), die GemüseAckerdemie (ein Bildungsprogramm für Schulen) und die Spendenplattform Elefunds.

Für sein Engagement wurde Kunz mehrfach ausgezeichnet: Er ist Ashoka Fellow seit 2007, wurde 2010 von der Schwab Foundation als „Social Entrepreneur des Jahres“ in Deutschland geehrt und erhielt 2015 das Bundesverdienstkreuz. Auch international ist er aktiv – unter anderem in Programmen der OECD und EU zur Förderung sozialunternehmerischer Ökosysteme.

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