Soziale Innovationen in der Freien Wohlfahrtspflege

April 2025

Innovationspotenziale in der Wohlfahrt heben

Am 31. März lud unser KoSI-Mitglied Diakonisches Werk Schleswig-Holstein (DWSH) zu einer inspirierenden Auftaktveranstaltung für seinen Inkubator „Impact Challenge“ ein. Rund 80 Vertreter:innen der DWSH-Mitgliedsorganisationen versammelten sich im IdeenRaum17 des Veranstaltungspartners NGD in Rendsburg. Das Thema: Soziale Innovationen für die Soziale Arbeit und Freie Wohlfahrtspflege angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisen.








Der Vormittag war unter anderem geprägt von einleitenden Worten durch Kay-Gunnar Rohwer vom DWSH sowie aufschlussreichen Impulsvorträgen der KoSI-Mitglieder Dr. Judith Terstriep vom Institut für Arbeit & Technik der Westfälischen Hochschule und Norbert Kunz von Social Impact. Am Nachmittag nahm Dr. Markus Freiburg von FASE, ebenfalls ein KoSI-Mitglied, an einer lebhaften Paneldiskussion teil. Bernd Hannemann und Dr. Grit Kühne vom DWSH führten durch den Tag, moderierten und diskutierten auf der Bühne. Wichtige Einblicke in die politischen Rahmenbedingungen für Soziale Innovationen lieferten Vertreter der Landesregierung Schleswig-Holstein (Dr. Michael Hempel vom Sozialministerium und Johannes Hartwig vom Wirtschaftsministerium), während Vertreter:innen der DWSH-Mitgliedsorganisationen praxisnahe Inspirationen aus der Wohlfahrtspflege beisteuerten (Adelheid Marcinczyk, DW Husum & Dennis Krabbenhöft, NGD).



Ein Tag voller Innovationsgeist



Die Veranstaltung machte eines klar: Soziale Innovationen werden nicht als Luxus, sondern als dringende Notwendigkeit betrachtet. Denn die Diakonie und grundsätzlich die Freie Wohlfahrt benötigen sie, um flexibel auf die sich beschleunigenden gesellschaftlichen Veränderungen und Krisen reagieren und weiterhin ihrem gesellschaftlichen Auftrag ausreichend nachkommen zu können.



Was unbestritten ist: Das Innovationspotenzial der Diakonie und der Freien Wohlfahrt ist enorm. Durch die langjährige Erfahrung im Umgang mit vielfältigen sozialen Problemen und Chancen in Pflege, Bildung, Integration oder Kinder- und Jugendhilfe herrscht ein einzigartig breites und tiefes Verständnis von gesellschaftlichen Bedürfnissen – das auf einem starken Verantwortungsbewusstsein für gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Gerechtigkeit fußt. Dies wurde auch in Rendsburg nur allzu deutlich.



Disruptiv oder inkremental?



Im IdeenRaum17 herrschte allerdings eine gewisse Uneinigkeit darüber, ob Soziale Innovationen per Definition nur disruptiv oder auch inkremental sein können. Beide Innovationsformen sind wichtig. Angesichts der enormen sozialen Herausforderungen und Krisen wünscht man sich oft disruptive Veränderungen, die gesamte soziale Landschaft verändern und neue Wege der Unterstützung eröffnen. Doch auch kontinuierliche, inkrementale Innovationen sind wichtig, um die Diakonie, die Freie Wohlfahrt und die Soziale Arbeit zukunftsfähig zu gestalten. Oft sind es gerade diese schrittweisen Verbesserungen z.B. in Betreuungsabläufen, die langfristig zu bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen führen.



Gleichzeitig kam auf dem Symposium immer wieder die Sprache auf das disruptive Innovationspotenzial von Kooperationen zwischen Freier Wohlfahrtspflege und Sozialunternehmen - beides „gemeinwohlorientierte Unternehmen“ nach der Nationalen Strategie für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen.



Inspiration vor Ort



Auf dem Symposium in Rendsburg wurden drei innovative Projekte aus Schleswig-Holstein vorgestellt:



  1. Vier Wände - ein Dach, ein innovativer Ansatz zur Prävention von Räumungsklagen und letztendlich Obdachlosigkeit vom DW Husum,

  1. ein Bauprojekt, hier wird von der Diakonie Stiftung Schleswig-Holstein Wohnraum für Menschen in besonderen Lebenslagen in Schleswig geschaffen und

  1. der IdeenRaum17, ein Innovationslabor der NGD, das bewusst Raum und Unterstützung für Innovationsexperimente für die NGD anbietet und auch externe Kooperationspartner wie Social- bzw. Tech-Start-ups einbindet.



Sucht man generell nach (sozial-)innovativen Ansätzen in der Freien Wohlfahrtspflege, so stößt man u.a. öfters auf



  • neue digitale Plattformen und Online-Angebote, um Beratung, Unterstützung und Informationen leichter zugänglich zu machen, wie Online-Sprechstunden und digitale Beratungsformate.

  • neue Pflegeansätze, die auf mehr Selbstbestimmung und individuelle Betreuung setzen, etwa durch den Einsatz assistiver Technologien und innovativer Betreuungsmodelle.

  • Projekte im Bereich der nachhaltigen und inklusiven Stadtentwicklung, etwa durch quartiersbezogene Ansätze, die Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.



Solche Innovationen entstehen oft durch Partnerschaften mit anderen Organisationen, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, um Ressourcen zu bündeln und ganzheitliche Unterstützungsangebote zu schaffen. Die Freie Wohlfahrt beteiligt sich auch an Forschungsprojekten, um neue Konzepte zu testen, beispielsweise im Bereich der ambulanten Pflege oder der Unterstützung für Menschen mit Fluchterfahrung. Zudem führen die bewusste Mitbestimmung und Partizipation der Klient:innen dazu, dass Angebote stärker an deren Bedürfnissen ausgerichtet werden, wie partizipative Entwicklungsprozesse bei verschiedenen Projekten zeigen.



Herausforderungen und Hürden



Trotz des enormen Potenzials für Soziale Innovationen gibt es in der Freien Wohlfahrt und Diakonie Innovationshemmnisse, die in Rendsburg angesprochen wurden. Diese lassen sich oft, aber nicht nur auf die politischen Rahmenbedingungen auf Bundes- und Landesebene zurückführen.



  • Die Politik unterschätzt grundsätzlich die Freie Wohlfahrt als Wirtschaftsfaktor und spezifisch ihr Innovationspotenzial. So sind die Diakonie und der Caritas-Verband, die beiden großen Wohlfahrtsverbände der evangelischen und katholischen Kirche, die größten Arbeitgeber in Deutschland nach dem öffentlichen Dienst. Und wenn es um Soziale Innovationen geht, ist der Blick immer noch zu einseitig auf Sozialunternehmen.

  • Komplexe Verwaltungs- und Meldepflichten in der Freien Wohlfahrt lassen zudem die zeitlichen Freiräume für Innovation oft auf ein Minimum schrumpfen.

  • Förderungs- und Finanzierungsmöglichkeiten für Innovationsentwicklung sind ebenfalls kaum vorhanden, insbesondere wenn längere Zeiträume und Risikofreudigkeit erforderlich sind. Denn speziell disruptive Soziale Innovationen brauchen das Experimentieren und die Möglichkeit des Scheiterns. Grundsätzlich lässt die alles dominierende Regelfinanzierung, also die Finanzierung von sozialen Einrichtungen oder Trägern durch gesetzlich festgelegte Summe für bestimmte Leistungen, keinen wirklichen Raum für Innovationen.

  • Die Gewinnung und Bindung qualifizierter Fachkräfte ist eine weitere Herausforderung, besonders in Zeiten des Fachkräftemangels im sozialen Bereich. Ein niedriger Personalstand erlaubt keine ausreichenden zeitlichen Freiräume für Innovation.

  • Auch die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Organisationen und Akteuren, insbesondere solchen, die nicht aus der Freien Wohlfahrt kommen, kann herausfordernd sein. Unterschiedliche Strukturen, Zielsetzungen und Arbeitsweisen erschweren oft eine effiziente Kooperation und den Austausch von Wissen und Ressourcen.



Der Blick nach vorn



Doch es geschieht bereits viel Innovatives in der Freien Wohlfahrt – die Impact Challenge des DWSH ist hier exemplarisch zu nennen. Eine gründliche Bestandsaufnahme innerhalb der gesamten Diakonie bzw. über die gesamte Freie Wohlfahrtspflege hinweg könnte diese Fortschritte sichtbarer machen und das veraltete Image der Wohlfahrt überwinden helfen.



In Rendsburg wurden zudem weitere konkrete Ideen zur besseren Hebung des Innovationspotenziales bzw. für den Abbau von Innovationshemmnissen genannt, die einer genaueren Betrachtung und Ausarbeitung bedürfen: wie ein „Innovationsbonus“ innerhalb der Regelfinanzierung und/oder ein „Social Innovation Fonds“, gespeist durch nachrichtenlose Vermögen; zudem Ansätze zur kooperationsbasierte Innovationsentwicklung mit Wissenschaft und Wirtschaft sowie praxisnahe und managebare Ansätzen zur Wirkungsmessung.



Der Wunsch nach Fortsetzung und Vertiefung der Diskussionen war auf jeden Fall bei allen Beteiligten in Rendsburg deutlich spürbar. Die nächste Gelegenheit im Rahmen der Impact Challenge des DWSH ergibt sich bereits am 27.6. beim Pitch-Event/ Symposium, erneut in Rendsburg.

Videos